Was ist uns artenreiches Grünland wert?

von Sven Biermann, Marian Harrer, Fabian Hirschauer, Kaining Jin, Alena Postel, Oliver Scholz, Yezi Zhou

Ursprünglich durch die Zunahme der Nutztierhaltung und der damit verbundenen ganzjährigen Beweidung entstanden, macht Grünland heutzutage mehr als ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Flächen Deutschlands aus. Noch heute sind artenreiche Grünländer wertvolle Ökosysteme. So finden zum Beispiel viele Insekten hier einen geeigneten Lebensraum und mehr als ein Drittel aller heimischen Farn- und Blütenpflanzen hat im Grünland sein Hauptvorkommen. Außerdem sind es besonders beliebte Landschaften zur Erholung des Menschen.

Durch die Intensivierung der Landwirtschaft und die Nutzungsaufgabe ertragsarmer Magerstandorte ist artenreiches Grünland allerdings stark zurück gegangen. Auch die Zahl der Schäfereien nimmt spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts stetig ab. Gründe dafür sind, dass sowohl regional produziertes Schaffleisch als auch Schafwolle nicht mehr mit Produkten der modernen Fleisch- und Baumwollindustrie konkurrieren können. Fördergelder für die Pflege schützenswerter Grünlandflächen, sind oftmals unerlässliche Unterstützungen zum Fortbestand der Schäfereien als bedeutende Landschaftspfleger.

Kulisse unseres Projektgebiets ist die Weideroute einer Schäferei im Werra-Meißner-Kreis. Diese produziert und vermarktet Schaffleisch und -wolle regional und setzt die Schafe in diesem Zuge als Landschaftspfleger für artenreiches Grünland ein. Problematisch ist, dass die artenreichen Flächen häufig nicht ertragreich sind und die Schafherde allein von diesen Flächen nicht ausreichend ernährt wird. Daraus resultieren als Ziele des Projektes folgende Leitfragen:

    • Wie würde sich der Verlust der Schäferei auf die Landschaft auswirken?
    • Wie kann eine naturschutzorientierte Bewirtschaftung zur Förderung artenreichen Grünlands gelingen? 
    • Was ist uns artenreiches Grünland Wert?

Die Beantwortung dieser Leitfragen erfolgt anhand von Nutzungs-Szenarien, die auf das Projektgebiet angewendet werden. Als Grundlage wurde zunächst eine Flächenkulisse des Gesamt- sowie eines Teilgebietes erstellt, eine naturschutzfachliche und ökonomische Bewertung der Grünlandtypen vorgenommen sowie die Auswirkungen der Szenarien auf dort potenziell vorkommende Tier- und Pflanzenarten herausgearbeitet.

Schritt 1 - Erstellung der Flächenkulisse


Da keine flächendeckenden Daten zu Grünlandtypen für das Projektgebiet vorliegen wurden mithilfe eines Entscheidungsbaumes Grünlandtypen zugewiesen. Die Klassifikation erfolgte auf Grundlage verschiedener GIS-Daten zur Höhe, Neigung, Exposition, Bodentyp und Bodenfeuchte sowie eines Landbedeckungsmodells und Liegenschaftskatasters. Die Klassifikation wurde abschließend mit bestehenden Daten von Biotopkartierungen überprüft.

Schritt 2 - Naturschutzfachliche Bewertung der Artvorkommen und Bewirtschaftungsformen

Für die naturschutzfachliche Bewertung des Artenspektrums der vorkommenden Grünlandtypen wurde im ersten Teil, auf Grundlage einer Auswertung von FFH-Gutachten, eine Artenliste der potenziell vorkommenden bemerkenswerten Arten erstellt. Anschließend wurde für jede Art in Abhängigkeit ihres Rote Liste-Status eine Punktzahl vergeben und von ihnen besiedelte Grünlandtypen zugewiesen.

Ziel des zweiten Teils war es zu untersuchen, inwiefern sich die verschiedenen Bewirtschaftungsformen auf die Arten und Artengruppen auswirken. Hierfür wurde anhand von Habitat- und Lebensraumansprüchen der Arten die Auswirkungen der Bewirtschaftungsweisen auf die Gesamtartenvielfalt bzw. Artengruppen in Form eines Ampelsystems dargestellt. Dabei wurde zwischen den Kategorien „positiver Einfluss“ (grün), „negativer Einfluss“ (rot) und „indifferent“ (gelb) unterschieden.

Schritt 3 - Ökonomische Bewertung der Grünlandtypen

Aus Sicht der ökonomischen Bewertung der Grünlandtypen, im Hinblick auf die Produktionsfunktion, sind die artenreichen Magerstandorte weniger wert. Die Grünländer frischer Standorte zeichnen sich hingegen durch eine hohe Biomasseproduktivität aus und werden daher bevorzugt intensiv genutzt.

Schritt 4 - Szenarien

Naturschutzoptimiertes Szenario

Im naturschutzfachlichen “Optimal-Szenario” werden die Grünländer mosaikartig entweder extensiv beweidet, gemäht oder aus der Nutzung genommen. Ziel ist eine räumlich und zeitliche Abfolge der verschiedenen Bewirtschaftungsweisen. Die Nutzungsarten werden flächenspezifisch nach den jeweiligen optimalen Auswirkungen im Hinblick auf die Förderung der Vielfalt besonders gefährdeter Arten ausgewählt. Dadurch soll das höchste Potenzial für den Schutz der Arten und Lebensgemeinschaften ausgeschöpft werden. Um bestimmte Artengruppen (z.B. Orchideen und Reptilien) besonders zu fördern werden auf ausgewählten Flächen Kurzzeitbrachen zugelassen, obwohl diese die Gesamtartenvielfalt nicht immer fördern.

 

Beantwortung der Leitfrage 1

Ertragsoptimiertes Szenario

Grundlage des ertragsoptimierten Szenarios ist die Aufgabe der Schäferei. Daraus folgt die Annahme, dass die wertgebenden Faktoren der Grünlandbewirtschaftung auf die Biomasseproduktion beschränkt werden. So werden die ökonomisch attraktiven Grünländer intensiv durch eine mehrschürige Mahd bewirtschaftet. Die Trockenen Heiden und Halbtrockenrasen werfen nicht genug Ertrag ab, weshalb sie zum Großteil langfristig brach fallen. Dies wird in den ersten Jahren durchaus positive Effekte auf die gefährdeten Arten haben (vgl. Karte oben), jedoch werden diese langfristig ausfallen (vgl. Karte unten), da sich die Flächen durch die natürliche Sukzession zu Wäldern entwickeln werden.

 

 

Beantwortung der Leitfrage 2

Realistisches, naturschutzorientiertes Szenario

 

Das realistische, naturschutzorientierte Szenario ist ein Kompromiss aus dem naturschutzoptimierten Szenario unter Berücksichtigung der praktischen Umsetzbarkeit. Dabei wird beachtet, dass die Beweidung magerer aber artenreicher Grünlandtypen nur gelingen kann, wenn auch ertragreiche Flächen in den Beweidungsgang integriert werden um die Schafe ausreichend zu ernähren. Aus diesem Grund werden einige Flächen, für die eine Kurzzeitbrache oder extensive Mahd das bevorzugte Management sind, durch Schafe beweidet. Diese Flächen liegen in unmittelbarer Nähe zu den extensiv beweideten Halbtrockenrasen um eine gute Zugänglichkeit sicherzustellen.

Insgesamt werden alle Flächen weniger kleinteilig bewirtschaftet, um deren Nutzung zu vereinfachen. 

Schritt 5 - Was ist uns artenreiches Grünland Wert?

Beantwortung der Leitfrage 3

 

Um uns einer Antwort zu nähern, wurde anhand unseres Beispielraums (25 ha) untersucht, auf welchen Grünlandertrag verzichtet werden müsste, um eine naturschutzfachlich realistische Bewirtschaftung zu ermöglichen.

Hierfür wurde die Differenz des Grünlandertragspotenzials des realistischen Szenarios und des ertragsoptimierten Szenarios berechnet. Daraus ergäbe sich ein Verlust von einem Drittel des Ertrages, was einer Menge von etwa 36 Tonnen Grünfutter (4.800 Euro Marktwert) entspricht. Demnach ließe sich der Wert von extensiver Schafbeweidung zur Förderung artenreichen Grünlandes mit einem Betrag von etwa 4.800 Euro pro 25 ha beschreiben. Folglich ergeben sich Kosten von 200 Euro pro Jahr und Hektar für eine naturschutzfachlich wertvolle Bewirtschaftung.

Allerdings muss beachtet werden, dass zusätzlich zu dem Marktwert des ausbleibenden Biomasseertrags viele weitere Einflussfaktoren berücksichtigt werden müssen, um ein realitätsnahen Betrag herzuleiten. Dazu zählen aufwändige Haltungsform, Planungsunsicherheiten im Bezug auf Flächenverfügbarkeiten, nicht ausreichende Fördermittel und ein fehlender Markt für Wolle und Fleisch. Nach Angaben der Schäfer*innen im Werra-Meißner-Kreis benötigt ein Schafbetrieb zur naturschutzfachlichen Pflege von Magergrünländern etwa 1.100 Euro pro Jahr und Hektar. Fördermittel stellen aktuell etwa 600 Euro bereit. Wenn die Gesellschaft die durch die Schäferei bereitgestellten Ökosystemdienstleistungen artenreichen Grünlandes weiterhin erhalten möchte, ist sie in der Verantwortung  für fehlende Gelder zur Förderung der Schäfereien als Landschaftspfleger aufzukommen.

Quellen

Bundesamt für Naturschutz (Hg.) (2014): Grünland-Report. Alles im Grünen Bereich? Bonn: Bundesamt für Naturschutz.

Kapfer, Alios (2010): Beitrag zur Geschichte des Grünlands Mitteleuropas. Darstellung im Kontext der landwirtschaftlichen Bodennutzungssysteme im Hinblick auf den Arten- und Biotopschutz 42 (5), S. 133–140.

Zhao, Yuanyuan; Liu, Zhifeng; Wu, Jianguo (2020): Grassland ecosystem services. a systematic review of research advances and future directions. In: Landscape Ecol (35), S. 793–814.

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