Vision wilder Städte:

Wildnis in der Stadt als Utopie oder Dystopie

Die Lesart von „Stadt als Wildnis“ hat eine gewisse Tradition und ist widersprüchlich: Auf lebensweltlicher Ebene wird Stadt als Sündenpfuhl gesehen, in dem man verloren gehen oder auf die schiefe Bahn geraten kann, oder aber als befreiender-freiheitlicher Großstadtdschungel, in dessen Lustbarkeiten es möglich ist, sich im positiven Sinne zu verlieren und neu zu erfinden. Auf politisch-planerischer Ebene wird in konservativer Perspektive die Stadt als wucherndes Geschwür verstanden, das die traditionelle Kulturlandschaft „zersiedelt“. Sie wird dem Ideal eines „organischen Wachstums“ einer Netzstadt oder aber der positiv aufgefassten „Zwischenstadt“ gegenübergestellt. Zudem ist das Thema „Wildnis in der Stadt“ freiraumplanerisch en vogue.Medial gefeiert wird aktuell einerseits die „Rückkehr der Natur in die Stadt“ – (angeblich) verstärkt durch den Corona-Lockdown. Andererseits gestaltet sich das Zusammenleben mit wilden Tieren wie Wildschweinen, Krähen oder Waschbären nicht immer unproblematisch – Nature strikes back.

 

Das diesjährige Projekt hat sich mit den beiden Auslegungen, "Stadt als Wildnis" und "Wildnis in der Stadt" beschäftigt. Dadurch konnten unterschiedliche und vielfältige Entwürfe zu den Themen erarbeitet werden. Ein kleiner Ausschnitt dieser Entwürfe, kann hier betrachtet werden.

Digitale Präsentation am 18.02.21 um 11 Uhr 

   

Insektopolis - ein zukunftsfähiges und innovatives Konzept

Hinter diesem Namen verbirgt sich ein utopisches Konzept für das Sternhochhaus in Kassel. Durch verschiedene Methoden, z.B. Dachbegrünung, Rankpflanzen, ein System von Patrick Blanc oder Urban Gardening Elemente wird das Gebäude komplett begrünt. Zudem werden eine Vielzahl von Nistmöglichkeiten für Insekten und Vögel integriert. Neben der Begrünung werden die Balkone am Gebäude renoviert und bekommen ganz neue Formen, z.B. eine Treppenverbindung zwischen zwei Balkonen.

Des Weiteren wird der umgebende Freiraum neu gestaltet. Die Untere Königsstraße wird für den Autoverkehr beruhigt und nur Anlieferungen für die Geschäfte, der ÖPNV sowie Rettungsdienste haben Zufahrt ins Entwurfsgebiet. Durch diese Maßnahme kann der Straßenraum neu zoniert und begrünt werden. Auch hier werden Nistmöglichkeiten, Futter- und Trachtpflanzen für Vögel und Insekten integriert. 

All diese Maßnahmen erhöhen die Lebensqualität der Anwohner*innen und Bevölkerung Kassels. Zudem wird durch das Konzept ein harmonisches Zusammenleben von Mensch, Natur und Tier in der Stadt gefördert. Kassel wird zu einer ökologischen und nachhaltigen Stadtvision. 

Mehr Informationen sowie technische Details und Perspektiven befinden sich auf dem Plakat.

Entwurf von: Anja Lischke & Sarah Schaumburg

KING´S  TREE

Unser Projekt startet nicht nur als erster genmanipulierter Baum seiner Art, sondern auch als lebendiges documenta Kunstwerk.

LAGEPLAN

SCHNITTANSICHT

Die Königsbäume stehen im Zentrum des Platzes und nehmen mit der ausgewachsenen Baumkrone von 60m etwa die Hälfte des 120 m langen und breiten Königsplatzes ein. Also ein gigantisches massives und lebendiges Bauwerk. Mit Hilfe von baubotanischen Konstruktionskenntnissen werden die beiden Bäume als Sprösslinge an einem Stahlgerüst befestigt und aufgezogen. Die Pflanzen wachsen immer höher und immer dicker entlang des modular erweiterbaren Gerüstes und bekommen allmählich die gewünschte Form, nämlich einer Helixstruktur ähnlich eines Proteinenstrangs. Die angestrebte Gestalt, hat die Funktion, dass die Stämme in einem so flachen Winkel wachsen, dass es uns ermöglicht eine Treppe daran zu befestigen, um an den Stämmen entlang den Baum nach oben zu erklimmen.

Hat man die Krone erreicht, kann man an den Ästen entlang auf befestigten Wegen, die Krone betreten. Sobald die Äste stark genug gewachsen sind, werden in der Krone Plateaus installiert. Die Plattformen sind für verschiedene Nutzungen offen.

Wir haben den Baum genmanipuliert und zugunsten unseres Konzeptes bearbeitet. Die erste Manipulation betrifft zum Einen die Wachstumszeit. Es würde normalerweise einige 100 Jahre dauern, bis ein so großer und starker Baum heran gewachsen ist, doch wir konnten das Wachstum so stimulieren, dass der Baum um ein vielfaches schneller an Höhe und dicke gewinnt. Dies ist deshalb so Wichtig, weil die Stämme in dem gekrümmten Winkel, in dem sie aufgezogen wurden, viel mehr Länge aufweisen müssen, um die gewünschte Höhe zu erreichen.

Der Baum wächst also viel schneller, und viel höher als gewöhnlich.

 

MODELLFOTO

Die beiden Bäume wachsen parallel zueinander, spiralförmig nach oben. Zwischen ihnen wird ein Abstand von ca. 5 bis 6 Metern gehalten. Nur im Zentrum der Krone, dort wo die Treppe am höchsten ist, wachsen die beiden Stämme aneinander um dann gemeinsam eine breite Krone ausbilden. An dem Stahlgerüst, an dem der Baum entlang wächst, werden horizontal liegende Stahl Stangen befestigt, die den gewünschten Abstand gewährleisten. Am Fuße des Baumes befinden sich neben den Treppen, in unmittelbarer Nähe, die Straßenbahnstationen. Denn die Bahn kann ungehindert zwischen den beiden 2 meter breiten Baumstämmen hindurch fahren und halten, um Personen zum Königsbaum zu transportieren.

ENTWURF: Veronika Temiz, Adelina Stapel, Pingchuan Ma

RACOON inclusive TRANSFORMATION BIELEFELD

In einer nicht allzu fernen Zukunft…

…hat der Kampf um die Gleichberechtigung von Tier und Mensch endlich zum Erfolg geführt. Die Menschen mussten sich eingestehen, dass eine Ausbeutung und die zunehmende Inanspruchnahme von Flächen zugunsten beider Parteien gestoppt werden muss, um eine attraktive und lebendige Umgebung zu schaffen. Zur Einhaltung dieses Beschlusses wurde in ganz Bielefeld eine Mensch-Tier Satzung verabschiedet, welche die wesentlichen Tierrechte und den Umgang mit tierischen Bürgern beschreibt. Die Reduktion des Autoverkehrs ist schließlich ein paar Jahre infolge der Inkraftsetzung des Regelwerks eingetroffen, sodass sich alternative Verkehrsmittel und der ÖPNV gestärkt haben. Zu gefährlich wurden die vielen einzelnen Autos für die Bielefelder Tiere. Im Jahr 2019 erforschte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rund 295.000 Schäden mit Wildtierbeteiligung, ein Höchstwert. Dies sollte sich nun ändern, da die Wildtiere schließlich dieselben Existenzrechte wie eine Person aufweisen.  Die Menschen verlieren nach und nach ihre egozentrischen Gesellschaftsvorstellungen, wodurch Veränderungen im allgemeinen Stadtbild möglich werden. Im Lebensraum Stadt generiert sich somit eine neue atmosphärische Qualität, welche die Hauptmerkmale der tierischen Landschaft mit der Menschlichen vereint. Es entwickelt sich also ein Nebeneinander von Natur und Kultur, dessen Koexistenz für Bewegung und Diversität sorgt. Die Straßen, öffentlichen Plätze, sowie viele Gebäude werden entsiegelt und naturnah begrünt. Schließlich müssen die Räume an neue Bedürfnisse angepasst und Identifikationsorte geschaffen werden. Durch die zunehmende Digitalisierung und den Online Handel fehlt es den Innenstädten an Konkurrenzfähigkeit, wodurch sie zunehmend von Leerstand und einem geringen Besucherstrom geprägt sind. Durch die tierische Transformation entwickelt sich eine neue Nutzung für die einst stark versiegelten, monofunktionalen Flächen, welche durch ihre Natürlichkeit auch für den Menschen als Naherholungsort gut dienlich sind. Dem Mangel an Bewohnern und der fehlenden Lebendigkeit wird mit der neu entstehenden Biodiversität entgegengewirkt.

Racoon Inclusive Transformation Bielefeld

Entwurf von: B.A. Kathrin Anna Mundry

Malta 2151...

Die Civitas Arboris ist ein Gedankenspiel, wie eine nachhaltige, utopische Stadt in einer dystopischen Zukunft aussehen könnte. Ausgehend von Problemen mit denen unsere Gesellschaft bereits heute zu kämpfen hat, unter anderem dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung und gesellschaftlichen Missständen, wurde hier eine düstere Zukunftsvision geschaffen, in der aber als hoffnungsvoller Gegensatz ein Ort existiert, der Lösungen aufzeigt.

Die Civitas Arboris (dt. Staat des Baumes oder Baumgemeinschaft) befindet sich in einem Wald auf den Ruinen der maltesischen Stadt Valletta und ist ein Konstrukt aus Baumhäusern, Plankenwegen und Hängebrücken. Ein wahrgewordener Kindheitstraum mit nachhaltigen Lösungen für Energieversorgung, Infrastruktur und Lebensmittelversorgung. Der Wald aus gigantischen, gentechnisch veränderten Bäumen ist eine Zuflucht in einer vom Klimawandel geprägten Welt. Die kollektiv und solidarisch organisierte Gesellschaft der Stadt eine Alternative zum rauen Leben in der zerstörten Umwelt außerhalb des Waldes.

Bei dem Entwurf der Civitas Arboris wurden aktuelle Forschungen, Ideen und Designprojekte weitergedacht und aus all diesen bereits existierenden, aber noch nicht im großen Stil umsetzbaren Möglichkeiten die Vision einer Stadt geschaffen, in der ein Leben mit der Natur anstatt gegen sie möglich ist.

Die Stadt fügt sich in den Wald ein, als wäre sie aus ihm gewachsen. Organische und recycelbare Materialien sind prägend, ebenso wie die Nutzung der Bäume für Notwendigkeiten des täglichen Bedarfs - angefangen bei dem aus den Bäumen selbst gewonnenen Trinkwasser, über baumintegrierte vertikale Gärten bis hin zu geflochtenen Brücken aus Ästen und Luftwurzeln.

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