Verena Schindler & Anna Kühn

 

Die Stadttaube ist in jeder deutschen Stadt präsent und fällt auf Grund ihrer Lebensweise nicht jedem positiv auf. Konflikte in den Tier-Mensch-Beziehungen treten häufig auf und äußern sich auf verschiedenste Weise. Sei es das Nisten an Gebäuden, die Verschmutzung von Autos, Mobiliar und Gebäuden durch Taubenkot oder das Betteln nach Futter an Bahnhöfen oder in den Innenstädten. Sie stören mit ihrem Dasein die saubere und hygienische Raumordnung und sind ohne Legitimation am falschen Ort.

Dabei kann die Stadttaube gar nicht anders. Als Nachfahren von entflogenen Brief- und Haustauben kommen unsere Innenstädte in Deutschland ihrem eigentlichen Habitatsanspruch als Felsenbrüter am nächsten. Durch Jahrtausende der Domestizierung wurden ihr Eigenschaften angezüchtet, die es der Stadttaube unmöglich machen unabhängig vom Menschen in der freien Natur zu überleben. Daher stellt sich uns in dem Projekt Tiere als Akteure im "Habitat Großstadt" die Frage:

Wie können die bestehenden Konflikte in der Taube-Mensch-Beziehung beseitigt werden und Tauben der nötige Lebensraum in der Stadt tierschutzgerecht und stadtverträglich geboten werden?

Neben der Untersuchung der naturhistorischen Entwicklung, bearbeiten wir, wie sich das kulturelle Bild der Taube vom Sinnbild für Frieden, dem heiligen Geist, Sanftmut oder als Attributtier der Göttinen zur "Ratte der Lüfte" und somit zum Schädling entwickelt hat. Des Weiteren beschäftigen wir uns mit den angwandten Abwehrmaßnahmen im Stadtgefilde und analysieren die drei Städte München, Hamburg und Berlin in Bezug auf ihr Stadttaubenmanagement und mögliche Potentialräume, die für zukünftige Stadttaubenhäuser geeignet sind. Im Anschluss steht eine utopische Planung, die wir in der Altstadt München, auf dem Marienplatz entwickeln.

STECKBRIEF | KULTURHISTORIE

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1. Vor Jahrtausenden lebten der Mensch und die Felsentaube unabhängig voneinander in Höhlen zusammen.

2&3. Man geht davon aus, dass sich die Taube vor ca. 8000 Jahren als Kulturfolger ganz bewusst dort niederließ, wo der Mensch Ackerbau betrieb. Mit der Entwicklung von Siedlungen folgte die Domestizierung von Felsentauben, die sich jedoch nicht auf Grund von wirtschaftlichem Nutzen festigte, sondern beeinflusst war von religiösen Ansichten. Tauben galten als heilig oder wurden als Opfertiere genutzt.

4. Die ökonomische Nutzung der Tauben lässt sich bis ins alte Ägypten zurück verfolgen. Durch ihre starke Bindung an ihren Brutplatz und Partner und als Koloniebrüter sind sie prädestiniert zur Domestizierung. Die Entwicklung zum Haustier brachte viele verschiedene Rassen hervor, die noch heute gezüchtet werden. Neben der Nutzung ihrer Federn, Eier und als Delikatesse wurden sie lange als Brieftauben eingesetzt. Der erste Brieftaubenverein in Deutschland datiert sich auf das Jahr 1834.

5. Die heute in den Städten anzufindenen Stadttauben sind größtenteils Nachkommen von Brief- und Haustauben. Wie andere Rassetauben auch werden diese in Volieren gehalten, verirren sich im Flug oder schließen sich frei an bestehende Taubenschwärme an.

6. Die Ortsgebundenheit der Stadttauben an unsere Städte wurde und wird durch bestimmte Einflüsse gelenkt. Die Wohlstandsgesellschaft Anfang des 20. Jhd. und nach dem I und II Weltkrieg brachte vor allem Speisereste und Abfälle in die Straßen. Durch das hohe Futterangebot vermeiden Stadttauben den Flug in die freie Landschaft, was durch fehlende natürliche Feinde, wie dem Wanderfalken, eine wachsende Population mit sich bringt. Zusätzlich führt die Fütterung, ob ungewollt oder absichtlich ausgebracht, zu einer Ortsverbundenheit der Tiere.

ANALYSE DER STÄDTE MÜNCHEN | HAMBURG | BERLIN

Die vorgenommene Analyse umfasst eine Untersuchung und Kategorisierung der angewandten Methoden zu Abwehr und Regulierung von Stadttauben. Im nächsten Schritt werden das "Augsburger Modell" sowie die Konzepte zum Stadttaubenmanagement der Städte München, Hamburg und Berlin beleuchtet. Diese Informationen sind in Analysekarten zu der jeweiligen Stadt übersetzt worden und schließen mit einer Verortung des ausgewählten Planungsraums ab.

Methoden zur Abwehr und Regulierung der Stadttauben

 

Um einen Überblick zu erhalten, welche aktuell angewandten Abwehrmaßnahmen in den Städten vorgenommen werden und welche Raumwirkung sie für den Menschen und auch andere Tiere erzeugen, wurden diese den unerschiedlichen Methodenkategorien zugeordnet und in ihrer Wirksamkeit beurteilt. Zusätzlich wurde im Bezug auf die Raumwirkung eine Einteilung in akustische, ästhetische und olfaktorische Wahrnehmung getroffen.

 

Das Augsburger Modell - Ein Konzept zur tierschutzgerechten Regulierung der Stadttaubenpopulation

Wenige Abwehr- und Regulierungsmaßnahmen gegen Stadttauben zeigen eine hohe Wirksamkeit und sind tierschutzrechtlich vertretbar. Unter den wirksamen Maßnahmen ist nur die Umsetzung des Augsburger Modells realistisch. Es sieht die Errichtung von Taubenschlägen und Taubenhäusern an Konfliktorten in der Stadt vor, an denen durch besonders viele Tauben Probleme auftreten. In den Taubenhäusern finden die Tauben Nistplätze, erhalten artgemäßes Futter und sauberes Trinkwasser. Durch den Zugang zu den Nestern kann über einen Austausch der Eier gegen Atrappen die Population kontrolliert werden. Die überwiegende Menge des Taubenkots verbleibt im Taubenhaus und wird entsorgt. Das Ziel aller Maßnahmen des Konzepts ist ein gesunder, stadtverträglicher Taubenbestand.

Konzepte München, Hamburg, Berlin

Der Umgang mit der Stadttaube ist in allen drei Städten unterschiedlich geregelt. In Hamburg gibt es bis dato kein Konzept, welches von der Stadt verfolgt wird. Nach der Wahl 2020 vergrößerte sich der Stimmenanteil der Grünen stark und der Hamburger Stadttauben e.V. konnte Kontakte zur Umwelt- und Tierschutzsprecherin knüpfen, die nun versucht, auch im Stadtparlament zu erreichen, dass die Stadt Verantwortung für die Stadttauben übernimmt und ein Konzept erarbeitet. Aber hier ist die Haushaltslage ein sehr stark limitierender Faktor. Der Hamburger Stadttauben e.V. orientiert sich in seiner Arbeit mit den Stadttauben am "Augsburger Modell". In Berlin wurde dem Senat 2018 durch den Tierschutzbeirat empfohlen, ein Stadttaubenmanagement unter hauptamtlicher Leitung zu etablieren, die Umsetzung lässt aber auch dort auf sich warten. Im Doppelhaushalt 2020/21 sind seitdem finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt worden, um ein kleines Projekt eines Vogelschutzvereins zu unterstützen. München ist eine der 42 Städte, die seit 2008 aktiv nach dem "Augsburger Modell" arbeitet und an besonderen Brennpunkten Taubenhäuser aus eigener Hand errichtet oder finanzielle Unterstützung bietet, diese umzusetzen.

In der münchner Altstadt ballen sich viele Konfliktorte.
Der repräsentative Marienplatz wurde als Planungsort gewählt.

GESTALTUNG FÜR BEGEGNUNGEN VON TAUBE & MENSCH

Da Stadttauben sehr standorttreu sind werden Taubenhäuser dort errichtet, wo sie bereits leben. Die Tauben bleiben also weiterhin in der Stadt. Hier gehören sie hin, sie haben keinen natürlichen Lebensraum!

Das Augsburger Modell verringert Konflikte in der Taube-Mensch-Beziehung. Das dürfte viele Menschen besänftigen. Trotzdem bleibt die Wahrnehmung, dass ein Ort an dem sich viele Tauben aufhalten schmutzig ist. Dabei erzeugt nicht die "schmutzige" Taube an sich diese Wirkung, sondern ihre Deplaziertheit, sie ist ohne Legitimation am falschen Ort! Ihre Wirkung auf Menschen als Eindringlinge in ihr Territorium kann nur durch eine gemeinsame neue Wirklichkeitsproduktion in der Begegnung verändert werden.

Die Planung kann hierbei unterstützen, das Problem aber nicht direkt lösen.

Die Idee eines „besänftigenden“ Taubenhauses soll durch Nachahmung des natürlichen Habitats der Vorfahren der Stadttauben, Felsen und Klippen, für das menschliche Gefühl die natürliche Ordnung wiederherstellen. Eine Taubenstation in der hektischen Fußgängerzone bietet zudem einen ruhigen Raum, in dem Passant*innen sich mit der Stadttaube auseinandersetzen und sie beobachten können. Auch die Tauben finden hier einen Platz: auf dem Dach fließt sauberes Trinkwasser den Felsen hinab. So wird die friedliche Begegnung gefördert.

Lageplan Marienplatz

Lageplan Dreiklang Taubenhaus, Taubenstation, Dachterrasse

Taubenstation

Infotafel Fun Facts Taube

Visualisierung Taubenhaus

Tiere als Akteure im "Habitat Großstadt"

Sommersemester 2021 | FG Freiraumplanung

Prof.Dr. Stefanie Hennecke | Dr. Anette Voigt | Dr.Ing. Thomas E. Hauck

 

© 2021 Anna Kühn, Verena Schindler

 

 

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