R:Ein Interview

Prof. Dr. Julian Lienhard

2001-2006 Studium Bauingenieurwesen an der Universität Stuttgart

2007-2013 Tätigkeit an der ITKE im akademischen Umfeld

2008 Gründung Ingenieur- und Designpraxis für Leichtbau- und Sonderkonstruktionen studioLD – heute str.ucture GmbH

2011 Gastdozent an der TU Wien

2014 Promotion „bending-active structures“

2016 Gastprofessor an der HafenCity Universität Hamburg

Seit 2019 Professor für Tragwerksentwurf an der Universität Kassel

Viele sind sich nicht ganz sicher (auch im Master), ob das ausgewählte Studium das Richtige im Leben ist? Wenn man über Sie liest, scheint es so zu sein, als ob Sie schon immer wussten, wo Sie hinwollen. Wie ist das wirklich?

Das ist interessant, dass man es so liest. Tatsächlich ist es natürlich nicht so. Ich habe zwar ziemlich früh Begeisterung fürs Bauen entwickelt, auch schon lange vor meinem Zivildienst, noch während der Schule in verschiedenen Projekten, aber habe lange darüber nachgedacht, ob ich Architektur oder Bauingenieurwesen studieren will. Ich war sehr hin- und hergerissen und habe mich letztendlich dann dafür entschlossen, beides zu studieren. Ich habe mich beraten lassen, dass es sinnvoll ist mit Bauingenieurwesen anzufangen, weil man sich dann mehr anerkennen lassen kann in der Architektur. Am Ende habe ich ‚nur‘ Bauingenieurwesen studiert und dann habe ich bei den Architekten promoviert. Parallel habe ich immer wieder Fächer in der Architektur belegt.

Ob man das Richtige tut? Im Architekturstudium fast die komfortabelste Frage. Wenn man Spaß an der Sache hat, kann man sich da in unglaublich viele Richtungen entwickeln. Wir nennen uns Generalisten und das sind wir tatsächlich. Als Bauingenieuren/innen und vor allen Dingen die Architekten/innen. Das ist eine fantastische Grundlage, um alles Mögliche zu machen. Also ich glaub, die Angst kann ich da jedem nehmen, aber ganz wichtig ist es mit viel Begeisterung dabei zu sein, weil es sonst zu hart ist.

Erste Erfahrung im Berufsleben - Waren Sie enttäuscht? Waren Sie begeistert?

Das Büro, was Sie erwähnt haben, was wir in 2008 gegründet haben, das ist entstanden aus einer Zusammenarbeit mit einem Architekturbüro, in dem ich schon seit meinem Vordiplom gearbeitet habe. Dort haben wir quasi die Tragwerksabteilung aufgebaut und dann daraus ein eigenes Büro gegründet. Das war immer alles parallel auch während der Promotion. Insofern gab es keinen Sprung ins kalte Wasser oder kein erwachen. Da bin ich tatsächlich ein bisschen untypisch. Ich hatte auch nie einen Vorgesetzten - also das Studium zu Ende und dann plötzlich mal gucken - das gab es bei mir nicht.

Im Jahr 2007, direkt nach Ihrem Abschluss, waren Sie im akademischen Umfeld tätig. Ein Jahr später wurden Sie zum Mitgründer von studioLD, jetzt wird es str.ucture GmbH genannt. Wieso haben Sie sich schon damals für die Lehre interessiert und was hat Sie bewegt ein eigenes Büro zu eröffnen?

Die Lehre hat mich schon immer total fasziniert. Letzten Endes war aber der Einstieg einfach eine Anfrage von meinem Doktorvater Professor Jan Knippers - der Zweitprüfer in meinem Diplom. Er fand, das was ich gemacht habe spannend und hat mir ganz direkt gesagt: „komm doch zu uns“. Ich wollte aber auch in der Praxis weiterarbeiten, weil wir mit unserem Büro kurz davor angefangen haben. Ich wollte immer dranbleiben. Dann habe ich das eine Zeit lang einfach parallel gemacht, später hatte ich dann eine 100% Stelle an der Uni. Ich bin da so langsam reingewachsen, alles erstmal kennen und lieben gelernt. Heute möchte ich auf keinen Fall irgendeine Seite missen.

Sie sind sicher der Professor, der nach den Abschieden von Grohmann, Schulze, Augustin und einigen anderen an der Uni Kassel gefehlt hat. Warum haben Sie sich für die Universität Kassel entschieden?

Das war ganz interessant. Ich hatte Kassel ehrlicherweise gar nicht so auf dem Schirm. Ich habe irgendwann mal gedacht jetzt kommt vielleicht so meine Phase wo ich anfangen kann mich wieder an den Unis zu bewerben. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt das Büro fast fünf Jahre aufgebaut. Tatsächlich hatte mich damals Philipp Eversmann auf einer Konferenz darauf angesprochen und hatte gesagt: „bewirb dich doch bei uns in Kassel“. Ich kannte natürlich schon Manfred Grohmann aus den verschiedenen Konferenzen, wo wir auch schon zusammengearbeitet haben. Dann habe ich mich beworben und wurde zum Vortrag eingeladen. Und war zum ersten Mal in meinem Leben beim Vortrag in Kassel. Kassel war für mich zwischen Stuttgart und Hamburg, wo ich herkomme, eigentlich immer nur so ein Autobahnzwischenstopp. Ich war total begeistert von der Campus Uni und dann war das ein wirklich netter Nachmittag, dieser Vortrag und das Gespräch. Brigitte Häntsch war damals die Kommissionsvorsitzende und das war ein total angenehmer Tag und ich habe mich gleich zuhause gefühlt. Danach nahm ich den Zug zurück und habe gedacht: Ich bin hierhergefahren, um mal so zu üben und mal zu gucken, ob ich jetzt wieder Lust habe an eine Uni zu gehen und fahr zurück und wäre echt enttäuscht, wenn das nicht klappt und war darüber selber überrascht.

Haben Sie etwas, das Sie als Ziel Ihres Lebens bezeichnen würden? Wann geben Sie auf? Oder wann verstehen Sie, dass es sich trotz Rückschlägen weiterzukämpfen lohnt?

Ich habe eigentlich jetzt kein definiertes Ziel im Leben. Ich habe eher so Orientierungspunkte, an denen ich mich bewege und finde tatsächlich immer gut so ein Zwischenziel vor Augen zu haben, um da auch eine Motivation zu haben. Es gab mal dieses Zwischenziel, ich wollte wieder an eine Uni in Form von einer Professur und habe da auch wirklich darauf hingearbeitet. Das ist heutzutage etwas, das man nicht zufällig wird. Man muss sein Portfolio zusammentragen, veröffentlichen, forschen - gleichzeitig wünschen sich die Universitäten, dass man Praxiserfahrung hat. Das ist wirklich, was auf das man hinarbeiten muss. In diesem Bewusstsein habe ich mich darauf vorbereitet.

Ich habe auch Familie. Ich habe Kinder. Für mich war es jetzt nicht so, dass ich irgendwo hinziehen würde und habe dieses Zwischenziel dann erreicht. Kassel ist ein toller Ort und jetzt war erst mal so eine Ankommensphase und eine Orientierungsphase und Phasen in denen ich überlegt habe was sind denn jetzt eigentlich so meine nächsten Ziele? Mein aktuelles Ziel ist es ein tolles Team in Kassel aufzubauen. Hier werden die Ersten Doktoranden/innen, die bei mir arbeiten und mit mir arbeiten und das Team wächst. Wir haben tolle Leute gefunden. Im Herbst kommen noch Zwei dazu und wir überlegen zusammen, was eigentlich unsere Fragen sind, unsere Beiträge, die wir leisten wollen. Ich glaube mein nächstes Ziel oder meine das nächste, woran ich arbeite, ist offen zu sein für Fragestellungen, die auf mich zukommen. Ich habe natürlich eine eigene Agenda aus meiner Historie, dem Leichtbauen, ressourcensparende Tragwerke, die sich intensiv mit dem architektonischen Entwurf auseinandersetzen. Die Ressourcen- Frage sind Dinge, die ich mitbringe, aber ich habe auch viel Freude daran jetzt zu gucken was Studierende an mich herantragen, was die Wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen für Ideen haben.

Manchmal verliert man die Motivation oder wie man sagt „es läuft nicht“. Vielleicht können Sie sich erinnern, wo das am schwierigsten war und wie Sie damit umgegangen sind?

Als Bauingenieur/innen haben wir auch eine sehr große Verantwortung. Also wenn was schiefläuft, was umfällt, was einstürzt, ist nicht auszudenken, was das für Konsequenzen hat. Auch moralisch, also da steht man total in der Verantwortung und deswegen ist es schon so, dass einem immer wieder wirklich irgendwie der Blutdruck hochgeht und man zu schwitzen anfängt und man irgendwie lernen muss, damit umzugehen. Ich kann mich sehr gut erinnern, dass ich in meinen ersten Bürojahren oft schlaflose Nächte hatte. Oder dass irgendeine Baustelle anruft – Vollalarm - wo sind die Pläne oder irgendwas ist falsch oder ist auch ein echt harter Ton, also der Standardsatz ist: „So eine Planung haben wir noch nie gesehen und das kann ja alles gar nicht wahr sein“. Da muss man sich irgendwie einen Umgang mit angewöhnen, wie man damit klarkommt, weil das einfach zu unserem Berufsleben dazu gehört. Je mehr man in eine Rolle kommt, jetzt in dem Beruf, in dem man Andere anleitet, desto mehr ist man dann auch Feuerwehrmann. Ganz interessant dabei ist, dass man sehr aufpassen muss, dass man seinen Idealismus dabei nicht verliert. Die Frage ob man aufgibt oder aufgeben kann, die gibt es eigentlich nicht. Wenn die Projekte mal laufen und die Dinge in der Fertigung sind, dann muss man auch Lösungen finden. Tatsächlich ist das auch diese Vielfältigkeit von unserem Beruf, dass wir in verschiedensten Situationen ganz schnell neue Lösungen finden müssen, weil sich Dinge ändern, nicht so laufen wie geplant. Irgendwann gab es bei mir dann auch so einen Punkt, vor ein paar Jahren, wo ich gemerkt habe, dass es doch einfach Spaß macht, das gelernt zu haben und solche Situationen dann zu managen.

Frank Gehry oder Zaha Hadid?

Gehry!

Großstadt oder Landleben?

Großstadt.

Wo waren Sie zuletzt im Urlaub?

Ich habe mir vor kurzem ein paar Tage frei genommen. Ich bin von Stuttgart in meine Geburtsstadt Hamburg mit dem Fahrrad gefahren. Da hatte ich einen ganzen Deutschland Urlaub.

Wahl zwischen Büro oder Lehre?

Jetzt würde ich fast sagen, wenn ich nur das Eine oder das Andere machen dürfte, dann würde Ich glaube Ich Aussteiger werden. Für mich gibt es nur Beides zusammen.

Wenn Sie nur eine Sache in dieser Welt verändern könnten, was wäre das?

Ich beziehe es mal auf das Bauwesen. Eine ganz konkrete Frage im Bauwesen, die uns glaub Ich auch mit den Klimafragen massiv voranbringen würde, ist, wenn es uns gelänge durch politische Anreize die Materialkosten den Lohnkosten wieder anzugleichen. Wir sind im Moment noch in der Phase, wo das Verhältnis von Lohn- zu Materialkosten sehr ungünstig ist. Deswegen können wir so verschwenderisch planen. Wenn wir das drehen würden, ist es mir ganz interessant, was dann rauskäme.

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