Marcel Jürgens Produktive Kleinstadt. Urbane Produktion als Potenzial für eine nachhaltige Stadtentwicklung

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Produktive Kleinstadt 
Urbane Produktion als Potenzial für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Die vorliegende Masterarbeit befasst sich mit dem Thema der Urbanen Produktion im Rahmen der Kleinstadtentwicklung und setzt sich vertiefend mit der Fragestellung auseinander, „Welche Potenziale, Herausforderungen und Handlungsstrategien für eine kleinstadtspezifische Urbane Produktion bestehen?“. Es geht dabei um die Zusammenführung der parallel zueinander verlaufenden Forschungsstudien der Kleinstadtforschung
und der Urbanen Produktion als neues Thema der Stadtentwicklung. Urbane Produktion verspricht als schillernder Begriff verheißungsvolle Potenziale für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Nutzungsmischung, eine kompakte Stadt der kurzen Wege und sozialökologische Produktionsformen für die Transformation einer umweltfreundlichen Produktion können als Chancen angeführt werden. Das Thema wird derzeit allerdings als großstädtisches Phänomen von einem sogenannten „urban bias“ geprägt und die differenzierten Bedarfe für andere Siedlungstypologien weitestgehend außer Acht gelassen. In strukturschwachen Räumen bedarf es jedoch dringendst neuer Strategien, um resilienten Städten und Regionen zu entwickeln.

Eigenschaften und Arten Urbaner Produktion

Mehr und mehr produzierende Unternehmen beginnen ganz bewusst innerstädtische Standorte den isolierten Gewerbegebieten am Stadtrand oder gar Produktionsstandorten in Übersee vorzuziehen (vgl. Gärtner et al. 2019: 14). Nischenbewegungen wie die Makerbewegung der neuen „Do-it-together“ Szene beginnen innerhalb Offener Werkstätten in Stadtquartieren zu werkeln und selbstermächtigt Produkte herzustellen (vgl. Lange et al. 2016: 16f.). Das Spektrum reicht von Reparaturund Upcyclingarbeiten über die Erprobung von Prototypen, das einfache Basteln und Tüfteln als reproduktives Hobby bis hin zu Workshops über hoch technologisierte Fertigungsprozesse  (vgl. ebd.: 19). Der Erfinder der FabLabs und MIT-Professor Gershenfeld beschreibt unteranderem die Weiterentwicklung unserer Desktops zu „Personal Fabricators“ (vgl. Gershenfeld, 2012: 46f.). Sogenannte Homepreneure würden künftig in den eigenen Räumlichkeiten Produkte erzeugen oder sich in den vorgesehenen Infrastrukturen miteinander vernetzen (vgl. Gärtner et al. 2017: 40). Im Rahmen einer zunehmenden Urbanisierung umschreibt Hahne dieses Phänomen ganzheitlicher als eine Rückkehr der Wirtschaft in die Stadt (vgl. Hahne, 2018: 1f.). Görnig und Werwatz konnten in einer statistischen Erhebung zum Gründungsgeschehen in Deutschland eine „Reurbanisierung der Industrie“ feststellen (Görnig/Werwatz, 2018: 1010). Daneben sehen andere Autoren in den Quartiers- und Heimwerkertätigkeiten den Schauplatz einer neuen industriellen Revolution (vgl. Anderson 2012: 29f.) (vgl. Läpple, 2013: 142).

Auswahl der Fallbeispiele

Für die Beantwortung dieser Fragestellung wurde eine qualitative Inhaltsanalyse auf
Basis von Experteninterviews durchgeführt. Dafür wurden zum einen kommunale Vertreter/innen aus den Bereichen der Stadtverwaltung, Wirtschaftsförderung und aus politischen Gremien befragt. Auf der anderen Seite wurden bestehende Initiativen und Unternehmen hinzugezogen, um ein differenziertes Bild bezüglich einer Urbanen Produktion der Kleinstadt wiedergeben zu können. Kommunale Einschätzungen sollten anhand der unternehmensorientierten Bedarfe und Erfahrungen komplementiert werden.

Beantwortung der Forschungsfrage

Zur Beantwortung der Forschungsfragen hinsichtlich der Relevanz, Voraussetzungen, Potenzialen, Herausforderungen und Unterstützungsmöglichkeiten kann zusammenfassend die folgende Antwort geliefert werden. Die Urbane Produktion wird mit einer hohen Relevanz für die Revitalisierung und Transformation der kleinstädtischen Zentren verbunden. Kontemporäre Produktionsformen umfassen traditionelle Handwerksbetriebe und bekannte Wirtschaftsformen wie Bäckereien, Metzgereien oder Brauereien. Die Ausprägungen der Urbanen Produktionen können in die drei Bereiche des a) Handwerks und Kreativhandwerks, b) Low-Tech Produktionen mit Fokus auf Gemeinwohl und/oder Alltagsversorgung und c) der digitale Urbanen Produktion verortet werden. Aufgrund baulicher Anforderungen einer historischen Bausubstanz in mittelalterlichem Stadtgrundriss bedarf es an spezifisch angepassten Produktionsbetrieben. Fehlende Erweiterungsmöglichkeiten müssen durch eine stärkere Vernetzung zwischen Gewerbe- und Kerngebiet ausgeglichen werden. Die kleinstädtische Urbane Produktion sollte möglichst kleinteilig produzieren und Güter kooperativ teilen, bündeln und vernetzten, um logistische Aufwände zu minimieren und lokale Wertschöpfungsketten zu erzeugen. In ländlichen Kleinstädten stellt die Kernstadt-Ortsteil-Produktionsinteraktion eine Besonderheit dar, wohingegen sehr zentrale Kleinstädte auf die Infrastrukturen der Großstadt zurückgreifen. Bestehende Strategien befinden sich überwiegend in den Kinderschuhen und umfassen kleinere Einzelmaßnahmen wie die Bereitstellung von Räumlichkeiten bis hin zu quartiersbezogenen Lösungen. Eine strategische Produktive Kleinstadt im Sinne eines verschriftlichen Gesamtkonzeptes existiert noch nicht.