Einleitung

Ziel der Arbeit war es das Beispiel „Roter Amerikanischer Sumpfkrebs“ (abgekürzt RAS) für die lokale Lebensmittelnutzung von Schädlingen und Neozoen zu beleuchten. Außerdem sollte ein Bewertungskatalog, für Schädlinge und invasive Neozoen und deren Potential zur Nutzung als Nahrungsmittel erstellt werden. Zuletzt stellte sich die Frage, wie ein Strategiekonzept für Kommunen zur Ermöglichung der Lebensmittelnutzung einer Art aussehen könnte?

Als Neozoen werden Tiere bezeichnet, die mehr oder weniger durch menschlichen Einfluss eingeschleppt wurden. Der RAS im speziellen ist als Neozoe auf allen Kontinenten (mit Außnahme von Australien und Antarktis) verbreitet und taucht auch in Deutschland auf, wo er sich tendenziell von Süden nach Norden ausbreitet. In Berlin speziell wird vermutet, dass die Vorkommen in den lokalen Gewässern durch ausgesetzte Aquarientiere zustande kommen (Wolter C.; 2020).

Nutzung des Roten Amerikanischen Sumpfkrebs als Lebensmittel in Berlin

Es gibt aktuell eine Reihe von Managementmaßnahmen zur Bekämpfung des RAS in Berlin, heraus sticht jedoch die Entnahme und anschließende kommerzielle Nutzung als Lebensmittel. So wurde 2017 nach dem medialen Interesse an der Verbreitung und dem Auftreten des RAS auch außerhalb der Gewässer, nach einer Überprüfung auf Umweltbelastungen ein Fischer mit der Befischung und dem Verkauf in Berlin beauftragt (Wolter C.; 2020). Dieser hat seitdem die Erlaubnis im Britzer Garten, Tiergarten und etwas später für den Roetepfuhl erhalten, den RAS zu befischen (Wolter C.; 2020). Dabei sind bis jetzt vor allem zwei Dinge aufgefallen, als Maßnahme scheint die Befischung vor allem, aber nicht ausschließlich in isolierten Gewässern effektiv zu sein, da hier die Fangmengen und somit auch die Bestände sich am stärksten verringert haben und allgemein scheint die Reduktion der Fangmengen/Bestände im ersten Jahr stärker als danach, wobei hier erst für drei Jahre und drei Gewässer Zahlen vorliegen (Wolter C.; 2020). Somit sind dies zum aktuellen Zeitpunkt keineswegs gesicherte Tatsachen. In der Reportage „Invasion der Sumpfkrebse - Von der Plage zur Delikatesse“ wird gezeigt, dass nach der Entnahme, welche primär durch Krebsreusen erfolgt, die Krebse gesammelt werden und für einige Tage in einem Hälterbecken gehalten werden um eine Entleerung der Därme und allgemeine Säuberung von Schlamm zu ermöglichen (Binsack C.; 2018). Anschließend werden die Krebse, noch lebendig, an den Kunden, zur Nutzung als Lebensmittel übergeben (Binsack C.; 2018). Zu den Kunden gehören von Markt-/Delikatessenständen bis hin zu Sternerestaurants (Binsack C.; 2018).

Kriterien einer zur Lebensmittelnutzung geeigneten Art am Beispiel des RAS (inkl. Strategiekonzept)

Das erste Kriterium, dass eine Art zu erfüllen hat, ist überhaupt essbar zu sein, dass heißt für menschlichen Konsum verträglich und nicht giftig zu sein. Theoretisch lassen sich hier auch Arten hinzufügen, die nicht groß genug sind, um sie sinnvoll als Lebensmittel zu verwerten wie etwa Mehlmilben. Der RAS hingegen ist sowohl verträglich als auch groß genug um konsumiert zu werden (Huner, J.V. und Barr, J.E.; 1991).

Als nächstes sollte ausgeschlossen werden, dass die Tiere, in den Gebieten in denen man fängt / jagt, für den Menschen beim Konsum des Fleisches schädliche Umweltgifte in relevanten Dosen inne haben, z.B. sind vor allem Schwermetalle in vielen urbanen Gewässern verbreitet (Förstner U. und Müller G.; 1974). Diese Prüfung ist in Berlin durch das Fischereiamt erfolgt und für den RAS unproblematisch ausgefallen, wie der Reportage von Binsack zu entnehmen ist (Binsack C.; 2018).

Weiterhin sollten die Art betreffende rechtliche Regelungen eine Lebensmittelnutzung im entsprechenden Umfang zulassen, was speziell bei Schädlingen auf Grund gesundheitlicher Risiken in Form von auf den Menschen übertragbaren Parasiten und Krankheiten oft schwer oder gar nicht möglich ist (siehe EU-Unionsliste für Novel Foods). So müssen geschossene Wildschweine beispielsweise untersucht werden, auch wenn keine bedenklichen Merkmale vorliegen, wenn eine Verwendung im gewerblichen Bereich ohne Direktabgabe an den Verbraucher vorgesehen ist (Deutscher Jagdverband; o.D.). Zusätzlich gibt es die verpflichtende Trichinenuntersuchung (Deutscher Jagdverband; o.D.). Beides zusammen ist mit viel Aufwand verbunden und erschwert somit die Nutzung. Weitere rechtliche Regelungen z.B. über die erlaubten Fanggebiete und Fangmethoden sind entscheidend, so wurde beim RAS nur ein Auftrag für ein Unternehmen erteilt und speziell drei Gewässer festgelegt die befangen werden dürfen (Wolter C.; 2020). Die Nutzung von Reusen wurde erlaubt, aber andere Krebsarten müssen wieder nach dem Fangen aussortiert werden und zurück ins Wasser gelassen werden (Binsack C.; 2018).

Daneben ist das Kriterium des wirtschaftlichen Potentials bzw. der Rentabilität des Fangen einer Art zentral, dieses Kriterium wird neben den klassischen Faktoren von Angebot und Nachfrage, welche beide für den RAS vorhanden sind, durch eine Vielfalt von Faktoren und Kriterien der Art indirekt beeinflusst. Dazu gehört das Bestandsminimum der Art und wie lange es braucht dieses zu erreichen (angenommen, es kommt zu keinem kompletten verschwinden der Art) (Wolter C.; 2020). Dieses Bestandsminimum sollte genau wie der darauf einflussnehmende Faktor, ob es überhaupt eine Reduktion durch den Befang gibt / geben wird, gemeinsam von Wirtschaft und Kommunen vorhergesagt / berechnet werden, um bessere Entscheidungen aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht treffen zu können (Wolter C.; 2020). Beim RAS ist dies der Fall, so wurde der beauftragte Fischer bei Ausgabe der Lizenz dazu langfristig verpflichtet, die Anzahl der gefangenen Tiere je Gewässer und deren Gewicht zu dokumentieren, woraus im Auftrag der Kommune dann die aktuellen Bestände abgeleitet werden (Wolter C.; 2020). Das zweite wesentliche Kriterium, das Einfluss auf die Dauer bis zum Erreichen des Bestandsminimums hat, ist die Populationsgröße und die Reproduktionsrate der Art vor Ort. Beide sind beim RAS in Berlin relativ hoch, mit bis zur Entnahme wachsendem Bestand und mehreren hundert bis tausenden Eiern pro Individuum im Jahr (Wolter C.; 2020).

Die erzielbaren Preise, welche wiederum die Rentabilität beeinflussen, werden von der Zahl der fangbaren Individuen pro Stunde oder Tag und dem Aufwand zum Fangen dieser beeinflusst. Dies variiert beim RAS, die erzielbaren Preise sind jedoch auch auf Grund anderer Faktoren relativ hoch (Binsack C.; 2018). Die fangbaren Individuen werden sowohl durch die Population und die Reproduktionsrate beeinflusst, aber beeinflussen auch direkt die Rentabilität über den „Ertrag pro Stunde“. Zusätzlich wird der erzielbare Preis über das nutzbare Gewicht des Individuums einer Art bestimmt, dies ist beim RAS im zweistelligen Grammbereich relativ gering (Huner, J.V. und Barr, J.E.; 1991). Weiterhin bestimmt eine potentielle Nachfrage nach dem Lebensmittel wesentlich die erzielbaren Preise und es besteht die Frage ob es entsprechend Kunden gibt die das Produkt abnehmen. In direktem Zusammenhang und ebenfalls die erzielbaren Preise beeinflussend ist das Marketing bzw. die Werbung für das Produkt bei Restaurants / Marktständen und den Endabnehmern, um Nachfrage zu erzeugen bzw. zu verstärken. Bei dem RAS wurde dies vor allem durch die mediale Aufmerksamkeit in Zeitung und Fernsehen gegenüber der Art, aber auch der Lebensmittelnutzung erfüllt. Ebenfalls hat dem RAS in Berlin geholfen, dass ähnliche Arten bereits gegessen werden, der RAS nicht als sonderlich intelligent wahrgenommen wird und einen entsprechend „guten“ Geschmack hat (Ruby M.B. und Heine S.J.; 2012). All diese soziokulturellen Faktoren, wozu auch das Image als Luxusprodukt gehört, erleichtern es ungemein entsprechende Preise verlangen zu können ohne die Nachfrage stark negativ zu beeinflussen (Townsend E.; 2011).

Wie man an der unteren linken Grafik sehen kann wurden die Kriterien zu einem Strategiekonzept zusammengefügt und sowohl thematisch durch die Farben der einzelnen "Fachbereiche", als auch zeitlich dem Verlauf der Nutzbarmachung einer Art zugeordnet. Ebenfalls wurde unten rechts für den RAS speziell dieses Konzept dargestellt.

Fazit

Die wesentlichen Kriterien einer Nutzbarmachung in Form der Natürlichen Umstände (inkl. Ökologie und Biologie), der Rechtlichen Voraussetzungen, der Wirtschaftlichkeit und des Soziokulturellen Umfelds wurden detailliert anhand der Literatur herausgearbeitet und am Beispiel des RAS in Berlin verdeutlicht. Das Strategiekonzept am Beispiel des RAS zeigt einerseits wie das Primärziel der Bestandsreduktion erreicht wird und andererseits, dass Kommunen besonders in der Vorbereitung der Nutzbarmachung eine zentrale Rolle spielen. Es ist aber auch klar geworden, dass eine Kooperation von „freier Wirtschaft“ und Kommunen bei der Umsetzung und langfristig in den Bereichen der Bestandsüberprüfung und Vorhersage, der Gesundheitskontrollen der gefangenen Tiere und im Bereich der medialen Öffentlichkeitsarbeit durch Kombination mit Marketingkampagnen aus der Privatwirtschaft durchaus sinnvoll ist. Weitere Forschungsfragen die von Interesse sind, wären einerseits Versuch von Kommunen das Strategiekonzept anzuwenden, andererseits wäre eine Untersuchung einzelner Kriterien / Konzeptbausteine und ihrer Auswirkung auf das System in der Realität durchaus auch interessant.

 

 

Quellen

- Binsack C. (Regie); 2018; Re: Invasion der Sumpfkrebse - Von der Plage zur Delikatesse [Reportage]; ECO Media; Letzter Zugriff am 29.06.2021 unter https://www.arte.tv/de/videos/079474-049-A/re-invasion-der-sumpfkrebse/

- Deutscher Jagdverband; o.D.; Amtliche Fleischuntersuchung und Trichinenuntersuchung; Letzter Zugriff am 24.06.2021 unter https://www.jagdverband.de/rund-um-die-jagd/wildbret/amtliche-fleischuntersuchung-und-trichinenuntersuchung

- Förstner U. und Müller G.; 1974; Schwermetalle in Flüssen und Seen als Ausdruck der Umweltverschmutzung; Letzter Zugriff am 06.07.2021 unter https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2F978-3-642-49242-6.pdf

- Huner, J.V. und Barr, J.E.; 1991; Red Swamp Crawfish: Biology and Exploitation (Third Edition); Letzter Zugriff am 20.06.2021 unter https://ntrl.ntis.gov/NTRL/dashboard/searchResults/titleDetail/PB91163451.xhtml

- Ruby M.B. und Heine S.J.; 2012; Too close to home. Factors predicting meat avoidance; Letzter Zugriff am 10.07.2021 unter https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0195666312001201

- Townsend E.; 2011; Lobster: A Global History; Letzter Zugriff am 06.07.2021 unter https://books.google.de/books?hl=en&lr=&id=HbcmYPVphZUC&oi=fnd&pg=PP1&dq=history+of+lobster+as+a+luxury+product&ots=jagDzCLNVM&sig=zCrn00LQCiJ-5jLJZRa4HrBcLkg&redir_esc=y#v=onepage&q=luxury&f=false

- Wolter C.; 2020; Beurteilung der Gesamtsituation der invasiven gebietsfremden Krebse und Fische im Land Berlin; Letzter Zugriff am 24.06.2021 unter https://docplayer.org/206587555-Beurteilung-der-gesamtsituation-der-invasiven-gebietsfremden-krebse-und-fische-im-land-berlin-abschlussbericht-auftraggeber.html

 

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