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Neuinterpretation: Oval

Lehrveranstaltung: RealFiktion
Projekt Bachelor: WiSe 2025/26
Fachgebiet: Entwerfen und Nachhaltiges Bauen

Das Gebäude, mit dem wir uns in diesem Semester gearbeitet haben, ist das Oval von Tadao Andō.

Zunächst haben wir uns intensiv mit dem Gebäude beschäftigt, es verstanden, um es dann als Modell

nachzubauen. Mit dieser Grundlage konnten wir das Oval dann analysieren und auf seine Essenz he-

runterbrechen, um es dann in einem Konzeptmodell neu zu übersetzen. Anhand der Regeln und der

Sprache dieses Konzeptes haben wir die Bauteile unseres ursprünglichen Gebäudes hergestellt und

sortiert. Mit dieser neuen Anordnung haben wir wieder ein komplett neues Bauwerk entworfen und in

einem für unsere Neuinterpretation passenden Ort in Kassel platziert, der Bahnhof Wilhelmshöhe.

Aufnehmen und Verstehen - Referenz: Oval - Tadao Ando

“You cannot simply put something new into a place. You have to absorb what you see

around you, what exists on the land, and then use that knowledge along with contemporary

thinking to interpret what you see”

-Tadao Andō

Das Oval ist ein Teilbereich des Benesse Museums in Naoshima, Japan, welches sowohl als

Hotelanlage als auch als Ausstellung verschiedener KünstlerInnen genutzt wird. Erbaut wurde es

1992 vom Architekten Tadao Andō in das Herz eines Waldareals. Es hat als Reiseziel von

ArchitektInnen und KünstlerInnen aus der ganzen Welt aufgrund der ikonischen Gebäude- und

daraus folgenden Zimmer-Struktur, der speziell für die Räumlichkeiten in Auftrag gegebenen Kunst

und dem friedlichen Zusammenspiel aus Architektur und Natur einen kulturellen und einzigartigen

Einfluss auf die Kunstwelt. Auf seine direkte Umwelt dagegen versucht Tadao Andō kaum bis keinen

Einfluss zu nehmen, sondern im Gegenteil eher beeinflusst zu werden, indem er nicht Bäume,

Erhöhung und Struktur der Umgebung auf seine Gebäude anpasst, sondern diese studiert und

analysiert, um entsprechend seine Werke in die gegebenen Umstände zu integrieren.

Die Gäste werden nach Anreise über den Weg oder die Monorailbahn von einem Wasserfall auf der

einen Seite und der Aussicht auf das Meer auf der anderen Seite begrüßt. Dann betreten sie den

Hauptteil des Gebäudes, wessen Form seinem Namen entspricht: Oval. Es ist einstöckig mit der

sogenannten Oval Lounge, nur exklusiv zugänglich für Gäste dieses Hotel-Bereichs. Im Zentrum des

Konstruktes sitzt ein ebenfalls ovalförmiger Pool, der als flüssige Skulptur von einem Gang umgeben

wird, welcher als Außengalerie Nutzung finden kann. Von diesem Gang aus sind die insgesamt sechs

Gästezimmer betretbar und bieten alle durch raumhohe Fenster einen direkten Blick aufs Binnenmeer

– darunter die vier sogenannten Oval Twins und zwei Suiten. Ausgestattet sind die 30 m² großen Oval

Twins mit je einem Badezimmer, zwei Betten, einem kleinen Sofa mit Ausrichtung auf die idyllische

Landschaft sowie einem Schrank und Schreibtisch mit Stuhl in dunkler Holzoptik. Zwei der Twins

verfügen über einen Balkon. Die Suiten fallen mit 70 m² deutlich größer aus. Sie sind mit größeren

Sofas und Platz für mehr Personen noch einmal deutlich luxuriöser, wenn auch ähnlich möbliert. Alle

Zimmer öffnen sich durch die Platzierung der Wände in der Grundform des Gebäudes zum Ausblick

und somit zur Natur und bringen so mit ihrer Form eine innovative Dynamik ein.

Ando setzt gezielt die Platzierung der (teilweise freistehenden) Wände in seiner Architektur ein. Sie

sollen den Blick und schließlich, wie im Fall des Ovals, den Besucher leiten. Sein Spiel mit klaren

geometrischen Formen, welche zusammengesetzt spannende Kompositionen schaffen, ist im Plan

des Ovals und seiner Umgebung zu erkennen – es ist umrahmt von einer Struktur aus

aufgebrochenen rechteckig angeordneten Wänden, welche die Gäste auf dem Areal führen. Während

diese Wände Wege vorbestimmen sollen, sorgen sie weiterführend für eine beruhigende Umgebung.

Das gesamte Gebäude ist auf die Natur fokussiert: von dem offenen Innenhof, über die Wasserspiele

bis hin zu der großzügigen Aussicht auf seine Umgebung. Die Geometrie des Ovals inmitten der

Natur sorgt dafür, dass das Gebäude trotz Einfügung in diese auch aus ihr hervorsticht und

kompositorische Spannung erzeugt. Ein weiterer Aspekt von Ando’s Stil ist die Beziehung des

Gebäudes zum Himmel. Im Oval wird durch den Innenhof mit ebenfalls ovaler Deckenöffnung und

damit korrespondierenden Wasserbecken ein Dialog mit dem Himmel geschaffen. Er versucht den

Himmel als ein Element, das den architektonischen Innenraum beeinflusst, zu benutzen, um seine

Architektur als offen zu definieren.

Außerdem bestehen seine Gebäude aus schlichten Materialien, die stark wirken und somit sein

eigenes Wesen spiegeln. Die Schlichtheit soll Raum für das Wesentliche – in diesem Fall den Ausblick

und die spezifischen Kunstwerke schaffen. Er benutzt für die Strukturen (Sicht-)beton – ein von ihm oft

gewähltes Material aufgrund seiner Herkunft –

, doch wie auch in der Inneneinrichtung zu sehen ist,

setzt er bei Materialien, die berührt werden, auf Natürliches – ein Stil, welcher auf seiner

handwerklichen Vergangenheit und Lernmethode beruht.

Tadao Ando überzeugt bei diesem, wie auch vorherigen und späteren architektonischen Werken, von

seiner Fähigkeit, seine Umwelt zu erkennen, zu interpretieren und sich davon aktiv beeinflussen zu

lassen. Das Oval ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Kunst, Architektur und Umwelt im

Einklang miteinander ein vollkommen neues Konzept der Ruhe und Zufriedenheit erschaffen können.

Grundriss
Ansicht
Schnitte

Analysieren, Übersetzen, Abstrahieren - Konzept der Referenz

Im Gegensatz zu unserem Referenzmodell haben wir für dieses mehrere Anläufe benötigt. Zunächst haben wir das Oval analy-

siert und auf seine Essenz heruntergebrochen, dabei sind wir zu mehreren Erkenntnissen gekommen: Auffällig ist, wie typisch

für Tadao Andō auch hier wieder die Wegeführung und damit einhergehende Blickbeziehung, auf welche wir uns für diese Auf-

gabe besonders fokussiert haben. Bei genauerem Hinsehen ist uns ebenfalls aufgefallen, dass eine Sichelform mit einer Gera-

den und einer anschließenden Kurve die Regel ist.

So entstand der erste Entwurf, bei welchem wir eine klare Wegeführung so ineinander verschlungen darstellen wollten, dass

eine Art Räumlichkeit mit Blickbeziehung entstehen sollte. Dabei war es uns noch nicht gelungen, das Architektonische abzu-

legen und unsere Regeln klar darzustellen, also haben wir von Neuem begonnen. Bei dem zweiten Ansatz haben wir auch die

Größe beachtet, da in Anbetracht der originalen Größe des Ovals unser erster Entwurf auffällig klein ausfiel, für die Breite der

Wege haben wir uns also für die Höhe der Wände im Maßstab 1:100, 3,5 cm, entschieden und die Wege insgesamt deutsclich

länger gezogen. So ähnelte es dem Ursprung noch sehr, abgesehen von der Größe. Folgend hatten wir noch das Problem mit

dem Architektonischen, da das Modell eine Art Oben und Unten hatte, so haben wir den Boden erweitert und die Möglichkeit

genommen, es aufzustellen. Ebenfalls mussten wir, um unsere Regeln einzuhalten, einige Verbindungen trennen, um die We-

geführung klar darzustellen und jede Kurve nur mit einem geraden Weg zu verbinden und andersherum.

Das Endergebnis ist ein langer Weg, der so in sich geschlungen ist, dass sowohl offene als auch geschlossene Räume oder

Aussichtssituationen zustande kommen, geformt aus ausschliesslich runden Wegen, die an gerade Wege schließen und wel-

che so nicht stehend, sondern nur “schwebend” betrachtet werden können.

Konzeptskizze
Konzeptmodell

Zerlegen, Sortieren, eine Ordnung schaffen - Sortierung der Bauteile

Die dritte Aufgabe bestand darin, die Bauteile unseres Referenzgebäudes im Maß-

stab 1:50 neu herzustellen und sinnvoll anhand unseres Konzeptes zu sortieren.

Ausgehend von den in unseren Entwurf übersetzten Regeln teilten wir für die

Bauteile nach der Wegeführung von starker Wegeführung zu schwacher Wegefüh-

rung, links nach rechts, in einem Koordinatensystem auf. Da auch die Verbindung

ungerader Bauteile an gerade Bauteile für uns relevant war, haben wir die Teile

nach weniger bis mehr gerade eingefärbt, wobei sich ganz gerade Teile in blau

über grün zu ungeraden gelben Teilen zogen.

Sortierung (Baukatalog)

Neuinterpretation - Unser Entwurf

Neue Anordnung

Für die vierte Aufgabe hatten wir uns für die neue Anordnung unserer Modelleteile für die Form einer Spirale oder einer Feder

entschieden. Diese sollte oben und unten zugehen und in der Mitte entsprechend breiter ausfallen

Die Idee war es, die Teile unseres Gebäudes in einer kreisförmigen Bewegung nach oben ausweitend aneinander aufzubauen, die

Mitte ergebe sich vom Bauteil “Dach”. Von dieser weitesten Stelle aus sollte die “Spirale” wieder zusammengehen, sodass seit-

lich betrachtet eine ovale Form erkennbar ist. Die Mitte bliebe dabei von oben bis unten frei. Präsentiert sollte unser Modell nicht

stehend, sondern an einer Schnur oder einem dünnen Draht an der Decke schwebend frei rotierend aufgehängt werden.

Das Konzept haben wir mit einer Spirale dieser Form aus Silberdraht dargestellt.

Die Bauteile des Ovals haben wir nach der ausgearbeiteten Wegeführung zugeschnitten und sortiert von starker bis schwacher

Wegeführung. Unser Modell soll mit Teilen starker Wegeführung beginnend sich nach oben arbeiten und schwächer werden. In

der Mitte des Modells liegt das Dach als Fläche schwächster Führung, für diese Anordnung in der Mitte hatten wir uns nicht nur

aus statischen Gründen entschieden, sondern auch, um seine eigentlich klar erkennbare Funktion auf einem Haus aufzubrechen

und ihm eine neue, unarchitektonische Aufgabe zu geben als Mittelpunkt des Konstrukts.

Ab diesem Punkt sollte wieder zusammen Richtung stärkerer Führung geleitet und schließlich mit Teilen der stärksten Führung

abgeschlossen werden.

Orientiert an dem originalen Gebäude, in welchem runde Wege nur an geraden und andersherum anbinden, haben wir die Bau-

teile nach diesen mit nur Geraden, Kurven und beidem farblich auf dem Plakat gekennzeichnet. Um diese Regelung einzuhalten,

schlossen von uns als kurvig eingestufte Flächen nur an gerade Flächen an oder solche, die eher als gerade angesehen werden

müssten. Und andersherum.

In dieser Konstellation angeordnet stellten wir gemeinsam mit der mittigen freien Fläche der Höhe nach Tadao Andos Becken

in Kombination mit der Öffnung in der Decke vom Oval den Dialog zwischen Himmel und Erde dar. Um diesen Effekt zu unter-

streichen, sollte das Konstrukt schwebend und rotierbar präsentiert werden, somit von allen Seiten betrachtbar und schwerelos,

irgendwo zwischen Oben und Unten.

Als es dann an die Verortung dieses Entwurfs durch das Dach des Bahnhofs Wilhelmshöhe ging, haben wir uns aus statischen

Gründen und aufgrund einer Neuauffassung unserer Idee entschieden, unseren Entwurf noch einmal neu, wenn auch ähnlich zu

planen.

Konzeptskizze
Konzeptmodell

Verortung

Nachdem wir unsere Modellteile der Wegführung entsprechend aufgeteilt und nach stark und schwach führend sortiert haben (sowie farbig

den Grad von rund und gerade definiert haben), entschieden wir uns, die folgende Neuanordnung darauf basierend im Vordach des Bahn-

hofs Wilhelmshöhe zu integrieren. Die Entscheidung für den Bahnhof fiel nach Erwägung zwischen anderen möglichen Orten aufgrund der

möglichen Dimensionen und der passenden Thematik zu unserem Konzept.

Ein Bahnhof ist ein Ort, durch den viele Wege führen, und der Bau, welcher den Platz für öffentliche Verkehrsmittel überdacht, passt somit

sehr gut. Nicht nur haben wir die Wegführung als Konzept analysiert und definiert, sondern auch die Regel, dass abwechselnd immer run-

de an gerade Elemente gefügt sind und so den Weg leiten. Ebenfalls aus unserer Referenzarchitektur zu lesen, ist, dass diese geraden und

runden Elemente im Paar als sichelähnliche Form angeordnet sind, was auch in unserem Konzeptmodell der Referenz dargestellt ist. Dies

haben wir aufgegriffen und umgesetzt, indem wir unsere Bauteile im Winkeln aneinander fügten, der immer einen Richtungswechsel von

90° vorgibt. Ebenfalls griffen wir den vor allem runden beziehungsweise ovalen Charakter der Referenz auf, indem wir entschieden unse-

ren Entwurf annähernd um sich selbst gedreht zu bauen – zu sehen in unserer Konzeptdarstellung des Entwurfs, welche eine Spirale zeigt.

Dies ging Hand in Hand mit den bereits erwähnten Winkeln des Zusammenbaus. Da, wie in der Einfärbung unserer Sortierung zu sehen ist,

die Bauelemente nicht immer strikt dem geraden oder runden Charakter zugeordnet werden konnten, gibt es ein Spektrum der Farbtöne,

welches definiert, ob ein Teil eher als rund, gerade oder beides gleichwertig definiert ist. Basierend auf dieser Einfärbung entschieden wir

schließlich, welche Teile in unserem Entwurf die Rolle des runden oder geraden Elements übernahmen. Hierbei mussten wir Kompromisse

eingehen und viele der in dem Zwischenspektrum befindlichen Elemente als rund definieren. Schließlich musste das Verhältnis der runden

zu den geraden Bauteilen aufgehen, um das bereits erwähnte Konzept der Neuanordnung des Ovals am Bahnhof Wilhelmshöhe 1 Abwechs-

lung umsetzen zu können. (Ein ebenfalls in diesem Kontext umgesetzter Kompromiss ist beispielsweise das Aneinanderfügen mehrerer

Säulen zu einem Bauteil.) Um die Teile des Zwischenraums klarer zu differenzieren, gaben wir auch denen, die nicht ursprünglich gebogen

waren, eine klare Biegung. So konnten wir auch etablieren, dass unsere gebogenen Elemente größtenteils zur Höhenüberwindung genutzt

wurden und die geraden Ebenen bildeten. Außerdem verhalf die Biegung zur Schaffung von Raum, stärkerer Führung und abwechslungs-

reicher Blickleitung.

Schließlich passt der gewählte Standort nicht nur zum Konzept unseres Entwurfs; durch unseren Entwurf transformieren wir den öffentli-

chen Ort, dessen primäre Funktion ein Knotenpunkt des Verkehrs zu sein ist, in einen Ort welcher größere soziale und kulturelle Gewichtung

erlangt – als Aussichtspunk und Erlebnis.

Schwarzplan
Lageplan
Außenansicht
Grundriss
Ansicht
Schnitt
Pläne - Rundgang
Modell - Rundgang