Bildung

Kultur

Infrastruktur

HAST DU GLÜCK - IST DEIN SUBURBANER RAUM EINE EIGENSTÄNDIGE GEMEINDE? 

 

Ibrahim Klingeberg-Behr | Elena Rinderspacher I Angelina Sporn | Jira Yimchuen

EINGEMEINDUNG VERHINDERT TEILHABE

Das Thema Teilhabe wird im Zusammenhang mit Chancengleichheit, Gleichberechtigung und Toleranz in unserer heutigen Gesellschaft in unterschiedlichen Lebensbereichen immer bedeutsamer – so auch in der Planung im physischen Raum. Die Zugänglichkeit von Kultur- und Bildungseinrichtungen spielt eine wichtige Rolle für das gesellschaftliche Leben. 

Im Rahmen des Projektes “Soziale Milieus im suburbanen Raum” des Instituts Urbane Entwicklungs- und empirische Forschung der Universität Kassel wurde innerhalb eines Semesters eine statistische Analysearbeit durchgeführt. Betreut von Carsten Keller, Timo Baldewine und Maik Kiesler wurden dazu mit Hilfe der Programme QGIS und SPSS Daten erhoben, dargestellt und analysiert. 

Insgesamt wurden in den Untersuchungsgebieten Kassel und Erfurt 1579 Datenpunkte im Bereich Kultur- und Bildungsinfrastruktur erfasst. Bei der Defintion dieser Einrichtungen bildete das Konzept der Bildungslandschaften die Grundlage, auf das später noch eingegangen wird. Anhand deren Verortung wurde die Teilhabe der Einwohner an Kultur- sowie Bildungseinrichtungen untersucht. Hierzu wurde die Zugänglichkeit der Einrichtungen gemessen. Schwerpunkt der Untersuchung waren die Kriterien für die Verteilung der Einrichtungen im Raum. Hierzu wurde die Einkommens- und Planungsstruktur in den Gebieten betrachtet.

Untersuchungsgebiete Erfurt und Kassel

SUBURBAN UND URBAN 

Für die Untersuchung wurden Erfurt, Landeshauptstadt von Thüringen, und die nordhessische Stadt Kassel gewählt. Um den urbanen und suburbanen Raum zu definieren, wurde Erfurt in drei Siedlungsformen unterteilt. Der urbane Raum befindet sich in der Kernstadt, die suburbanen Räume setzen sich aus den Großwohnsiedlungen und den umliegenden kleinteiligen Strukturen außerhalb der Kernstadt zusammen. Das Untersuchungsgebiet Erfurt erfasst 204.417 Einwohner.

Das Untersuchungsgebiet Kassel besitzt insgesamt 347.790 Einwohner; 204.059 davon leben direkt innerhalb der Stadtgrenze Kassels. Jedoch wurden auch die an Kassel grenzenden Gemeinden miteinbezogen. Der östliche Teil des Stadtgebiets wurde als urbaner Raum definiert, der westliche Teil sowie die umliegenden Gemeinden als suburbaner Raum.

Kassel
Die Karte definiert den urbanen Raum Kassel (rot) und der suburbane Raum (blau). Des Weiteren sind die administrativen Grenzen eingezeichnet und somit die Gemeindegrenzen mit ihren Planungsgebieten erkennbar.

Erfurt
Die Karte definiert den urbanen Raum (rot) und den suburbanen Raum (blau). Erfurt verfügt über eine zentrale Planungshoheit (siehe administrativen Grenzen).

KULTUR- UND BILDUNGSEINRICHTUNGEN

Zuallererst ist im absoluten Vergleich für Kassel eine höhere Zahl von Kultur- und Bildungseinrichtung festzustellen, hier ist jedoch die höhere Einwohnerzahl zu beachten. Daher ist zusätzlich eine Betrachtung der Einrichtungsdichte sinnvoll.

Im Zuge der Datenerhebung konnte in Erfurt im urbanen Raum eine Konzentration der Bildungs- und Kultureinrichtungen festgestellt werden. Im Gegensatz hierzu verteilen sich in Kassel entsprechende Einrichtungen gleichmäßiger zwischen urbanem und suburbanem Raum. Ein vergleichbarer Trend ist bezüglich der Dichte eben solcher Einrichtungen zu erkennen (siehe Karte und Piktogramm Bildungsdichte/ Kulturdichte).

Kassel
Verteilung der Kultur- und Bildungseinrichtungen bezüglich Anzahl und Standort.

Erfurt
Verteilung der Kultur- und Bildungseinrichtungen bezüglich Anzahl und Standort.

Die folgende Grafik zeigt die Verteilung von Kultur- und Bildungseinrichtungen in den beiden Untersuchungsgebieten Kassel und Erfurt. Es wird die Dichte, Einwohner pro Einrichtung, im suburbanen und urbanen Raum visualisiert.

STAATLICHE DASEINSVORSORGE

Bei der Untersuchung wurde deutlich, dass die Verteilung von Bildung- und Kultureinrichtungen stark von der Planungshoheit der einzelnen Gemeinden abhängt. Durch die eigenständige Planungshoheit der umliegenden Gemeinden in Kassel sind diese in der Lage eigenständig zu planen - im Gegensatz zu Erfurt, denn als Bestandteil ihres Selbstverwaltungsrechts verfügen Gemeinden über eine eigenständige Planungshoheit. Planungshohiet meint dabei, dass es Gemeinden erlaubt ist, über die bauliche Gestaltung des Gemeindegebiets zu bestimmen (Art. 28 II GG).

Die Gemeinden sind grundsätzlich für verschiedene Arten von Aufgaben zuständig. Hier ist zwischen freiwilligen Selbstverwaltungsaufgaben wie die Errichtung von Theatern, Bibliotheken oder Jugendeinrichtungen und pflichtigen Selbstverwaltungsaufgaben wie die Trägerschaft oder Planung bestimmter Schulen zu unterscheiden.

Auf Basis dieser Einteilung wurde die Verteilung der staatlichen Daseinsvorsorge für Bildungs- und Kultureinrichtungen in Kassel und Erfurt für den suburbanen Raum untersucht. Allerdings wurde zusätzlich zu kommunalen Pflichtaufgaben und freiwilligen kommunale Aufgaben die Kategorie private Angebote betrachtet.

Die Abbildungen zeigen, dass in Erfurt die Daseinsvorsorge größtenteils kommunale Pflichtaufgabe ist, während in Kassel private Angebote deutlich überwiegen.

BILDUNGSLANDSCHAFTEN

Bildung und Kultur sind in der Untersuchung wichtige Schwerpunkte und bedürfen einer differenzierteren Betrachtung. Anhand der Orientierung an den Vorgaben lokaler Bildungslandschaften wurde das Prinzip der Bildungsketten betrachtet. Bei diesen Bildungsketten geht es um Bildungsübergänge, also den erfolgreichen kontinuierlichen Bildungsverlauf eines Menschen. Infolgedessen wurden Bildungseinrichtung wie z.B. weiterführende Schulen und Universitäten mit aufgenommen um die Kontinuität beizubehalten.

Differenziert wurde bei der Definition von Bildung zwischen formaler Bildung (Kindergärten, Grundschule, Gesamtschule, Gymnasium, Realschulen, Universitäten ect.) und einem erweiterten Bildungsverständnis (Sportvereine, Jugendverbände, Sprachschulen, Nachhilfen ect.).

Hierunter fallen ebenfalls Kultureinrichtungen. Diese wurden nach Ihren Primärfunktionen (z.B. Theater, Kino, Musik) betrachtet, wodurch man einen differenzierteren Überblick der einzelnen Veranstaltungsorte erhielt.

Die Abbildungen zeigen zunächst das Verständnis von Bildungs- und Kultureinrichtungen. Des Weiteren lässt sich aus der Grafik die Verteilung aller erhobenen Einrichtungen in den beiden Untersuchungsgebieten entnehmen. Diese Verteilung zeigt deutlich, in welchem Verhältnis die staatlichen und privaten Einrichtungen bezüglich der Infrastruktur stehen.

GROSSWOHNSIEDLUNG 

Ein besonderes Beispiel bilden die zwei Großwohnsiedlungen nördlich und südlich von Erfurt. Hier überlagern sich soziale Probleme, Planungsstrategien aus Vor- und Nachwendejahren und der Übergang von der Kernstadt zum dörflich geprägten Umland. Die Großwohnsiedlungen können als Suburbanisierung der DDR bezeichnet werden, weshalb die dörfliche Struktur im Umland von Erfurt weitgehend erhalten blieb. 

Heute haben sich direkt um die Großwohnsiedlungen Einfamilienhausgebiete gebildet, in denen die wohlhabendste Bevölkerungsgruppe lebt, während in den Großwohnsiedlungen die ärmste und die sozial am stärksten benachteiligte Bevölkerungsgruppe lebt.

Unter dem Aspekt der räumlichen Verteilung von Bildungs- und Kultureinrichtungen betrachtet fällt auf, dass die Infrastruktur eher dem urbanen als dem suburbanen Raum gleicht.

Gemessen an der Bevölkerung weist die Großwohnsiedlung jedoch die geringste Dichte von Bildungseinrichtungen auf. 

Dies lässt sich auf einen Mangel an Angeboten aus der Gesellschaft zurückführen. Wie gravierend dieser Umstand ist, zeigt der Anteil der kommunal finanzierten Bildungsangebote, insbesondere im Bereich der freiwilligen Leistungen.

Wie sehr kommunale Planung versucht den sozialen und zivilgesellschaftlichen Missständen mit den ihr eigenen Mittel entgegenzuwirken, wird deutlich, wenn man aus dem Feld der freiwilligen staatlichen Leistungen die Jugendarbeit genauer betrachtet. Hierzu zählen Jugendzentren und aufsuchende Jugendarbeit in städtischer oder freier Trägerschaft, aber auch Jugendverbände. 

Während in den Großwohnsiedlungen auf eine solche Einrichtung der Jugendarbeit 700 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren kommen, sind es im übrigen suburbanen Raum mehr als 1100 Kinder und Jugendliche pro Einrichtung.

EINKOMMENSKLASSEN

Soziale Brüche, wie die zwischen den Großwohnsiedlungen und den benachbarten Einfamilienhausgebieten, lassen sich räumlich und anhand der Baustruktur erklären. Abgesehen von der ostdeutschen Sonderform der suburbanen Großwohnsiedlung wohnen die obersten Einkommensklassen in den suburbanen Gebieten einer Großstadt, wohingegen die mittleren und unteren Einkommensklassen in der Kernstadt leben. 

Die etwas differenziertere Datenlage in Kassel zeigt, dass die Verteilung von Reichtum in suburbanen Gebieten am größten ist, die sich näher an der Kernstadt befinden. Ein Vergleich der Einkommensverteilung von Erfurt und Kassel macht deutlich, wie unterschiedlich die jeweiligen Großstädte aufgebaut sind. In Erfurt gibt es ein dörflich geprägtes Umland, in das suburbane Einfamilienhausgebiete eingestreut sind, Großwohnsiedlungen und einen Stadtkern aus mittelalterlicher bis gründerzeitlicher Planungsgeschichte. Diese stadtmorphologische Unterteilung bildet sich auch in der Einkommensstruktur ab. Kassel und sein Umland sind deutlich heterogener gegliedert. Eigenständige Gemeinden bringen ihre eigene Bau- und Sozialstruktur mit, sodass es kleinere Zentren gibt, die der Großstadt in der Zentrums- und Peripherie-Ausbildung entgegen wirken.

DICHTE BILDUNGS- UND KULTUREINRICHTUNG

Welche Auswirkungen die unterschiedlichen Planungsstrukturen in Kassel und Erfurt haben, wird bei der Verteilung von Bildungs- und Kultureinrichtungen im suburbanen und urbanen Raum deutlich. 

Während die Pflichtaufgaben der Daseinsvorsorge eine ausgleichende Wirkung auf die Verteilung von Bildungseinrichtungen haben, weist die Verteilung von Kultureinrichtungen erhebliche Unterschiede auf. Ein kulturelles Leben im suburbanen Erfurt ist kaum vorhanden. Dank der unterschiedlichen Gemeinden im suburbanen Raum Kassels ist hier die Verteilung von Kultureinrichtungen deutlich ausgewogener. Die Großstadtregion Kassel ist dezentral organisiert, Erfurt ist zentral organisiert. Bei genauer Betrachtung der Verteilung fällt auf, dass auch der Raum Kassel in seinen jeweiligen Gemeinden zentral organisiert ist, die Kultureinrichtungen ballen sich in den Zentren der Gemeinden.

 

RÜCKSCHLUSS FÜR ZUKÜNFTIGE PLANUNG

Was bedeutet das nun für die Stadtplanung?

- Lokale Entscheidungsebenen stärken.

- Kleinteilige Planungsstrukturen bewahren – großräumige Planungsgebiete untergliedern.

- Informelle Bildung als wichtigen Bestandteil der lokalen Bildungslandschaft wahrnehmen und stärken.

- Die Verteilung von Bildungs- und Kultureinrichtungen richtet sich nicht nach der Einkommensstruktur, sondern nach historischen Raumstrukturen: Um eine ausgewogene soziale Infrastruktur in Großstadtregionen mit einem hohen Anteil an suburbanen Gebieten zu gewährleisten, ist dies bei Planungen zu beachten. 

- Chancengleichheit kann gezielt erreicht werden durch Ausgleichsarbeit/-planung in schwächeren Gebieten z.B. durch Daseinsvorsorge 

 

WEITERFÜHRENDE LINKS:

 

2021 Zweckverband Raum Kassel - Regierungspräsidium Kassel; 2021

Online aufrufbar unter: https://www.zrk-kassel.de/ueber-uns/zahlen-und-fakten.html

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 15.45

 

Google Street Maps - o.A., o.J. 

Online aufrufbar unter: https://www.google.com/maps/@51.2,9.3323264,14z

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 15.45

 

Landkreis Kassel- Schulen im Landkreis Kassel; 2021

https://www.landkreiskassel.de/gesellschaft-und-bildung/schulen-im-landkreis.php

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 15.45

 

Gemeinde Ahnatal- Der Gemeindevorstand der Gemeinde Ahnatal; o.J. 

Online aufrufbar unter: http://ahnatal.de/startseite/

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 15.45

 

Stadt Baunatal- Stadt Baunatal vertreten durch den Magistrat; o.J.

Online aufrufbar unter: https://www.baunatal.de/de/

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 15.45

 

Stadt Vellmar- net-Com AG; o.J.

Online aufrufbar unter: https://www.vellmar.de/city_info/webaccessibility/index.cfm?region_id=435&waid=417

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 15.45

 

Gemeinde Fuldatal- Bürgermeister Karsten Schreiber; o.J.

Online aufrufbar unter: https://fuldatal.de/aktuelles-infos/zahlen-und-fakten.html

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 15.45

 

Lohfelden Lust auf Zukunft- Gemeinde Lohfelden; o.J.

Online aufrufbar unter: https://www.lohfelden.de/de/rathaus/service/leistungen-von-a-z/

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Gemeinde Kaufungen- Gemeindevorstand der Gemeinde Kaufungen; o.J.

Online aufrufbar unter: https://www.kaufungen.eu/

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Fuldabrück leben zwischen Fulda und Söhre- Gemeinde Fuldabrück der Gemeindevorstand; o.J.

Online aufrufbar unter: https://www.fuldabrueck.de/

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 15.45

 

Gemeinde Niestetal- Gemeindevorstand der Gemeinde Niestetal; o.J.

Online aufrufbar unter: https://www.niestetal.de/gv_niestetal/

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Gemeinde Schauenburg- Gemeindevorstand der Gemeinde Schauenburg;o.J.

Online aufrufbar unter: https://www.gemeinde-schauenburg.de/

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Habichtswald mitten im Naturpark- Rathaus Gemeinde Habichtswald; o.J.

Online aufrufbar unter: http://www.habichtswald.de/index.php

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Statistikatlas documenta Stadt Kassel- o.A.,o.J.

https://statistikatlas.kassel.de/bericht1/atlas.html

 

das offizielle Stadtportal der Landeshauptstadt Thüringens- Rendezvous in der Mitte Deutschlands- Landeshauptstadt Erfurt, Stadtverwaltung;o.J.

Online aufrufbar unter: Erfurt.de 

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Erfurter Sportbetrieb- o.A.;o.J. Online aufrufbar unter: erfurter-sportbetrieb.de  

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 16.25

Stadtjugendring Erfurt- Stadtjugendring Erfurt e.V.; o.J.                                                 Online abrufbar unter:stadtjugendring-erfurt.de    

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 16.25

 

Sozialatlas Erfurt- Sozialstrukturatlas 2020 der Stadt Erfurt. o.A; o.J.

Online aufrufbar unter: https://www.erfurt.de/ef/de/service/mediathek/veroeffentlichungen/2020/136271.html

Zuletzt geöffnet am 15.02.2021 um 16.25

Mircom 2019

Zensus 2011

Alle Abbildungen basieren auf den oben angegeben Quellen und eigener Erhebung und sind selbst erstellt

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