Einstieg

Auch wenn der Name Brückenhof den meisten Studierenden in Kassel wohl nur von der Straßenbahnlinie sechs in Richtung Brückenhof bekannt sein sollte, hatten wohl die Wenigsten bisher einen Grund mit ihr bis an die Endstation zu fahren. Wie sollte sich das, was sich sonst in Kopenhagen gut sichtbar zeigt, also in Kassel finden lassen?

2019 ging es in der Exkursionswoche der Stadtplaner:innen nach Kopenhagen. 2020 geht es nach Wolfsanger-Hasenhecke und in den Brückenhof.

 

 

Hättest du hinter diesem Fenster etwas von Relevanz für uns, als Erstsemester des Fachs Stadt- und Regionalplanung erwartet?

In den nächsten zwei Leseminuten wirst du erfahren, warum es das war.

Im Projekt “Sound of the suburbs” haben wir uns mit Infrastrukturen der Sozialität und deren Einfluss im suburbanen Raum beschäftigt. Um das zu verstehen, hier zunächst ein paar Begriffsdefinitionen und ein kurzes Briefing zu den allerwichtigsten Punkten des Forschungsstandes.Mit Sozialität, meinen wir die Wechselwirkung von Individuen. Unser Verständnis von Infrastrukturen basiert größtenteils auf der Konzeption von Eva Barlösius. Grob vereinfacht sagt diese:

1. Infrastrukturen erbringen Vorleistungen, die sicher stellen, „dass etwas vorhanden ist und gebraucht werden kann, wenn es benötigt wird“ (Barlösius 2019: S.50).

2. Die infrastrukturelle Sozialität ist für Barlösius dadurch beschrieben, dass jede Infrastruktur mit einer bestimmten Form der Sozialität, also des miteinander in Wechselwirkungen tretens, in Verbindung steht: „Die Infrastrukturen kanalisieren die sozialen Wechselwirkungen so, dass daraus eine bestimmte Art der Sozialität entsteht“ (Barlösius 2019: 54). Dabei spielen gemeinsame Werte und Vorstellungen der Nutzer:innen und Betreiber:innen hinsichtlich der Leistungen der Infrastruktur eine Rolle.

3. Jede Infrastruktur verfügt über ein Regelwerk. Dieses besteht aus formellen und informellen Regeln zur Zugänglichkeit, Erstellung und Vorhaltung, sowie zum Gebrauch der Vorleistungen.

4. Im Rahmen der infrastrukturellen Verräumlichung, dem letzten Hauptaspekt, unterscheidet Barlösius in drei Hauptformen. So zum einen Infrastrukturen, bei denen Regelwerk, Vorleistungen und Sozialität an einem festgelegten Ort stattfinden, wie es zum Beispiel in Supermärkten der Fall ist. Außerdem beschreibt sie raumüberwindende Infrastrukturen wie den Brief- und Zugverkehr. Zuletzt nennt sie überräumliche Infrastrukturen, die überall verfügbar sind und durch Gleichzeitigkeit geprägt sind, so zum Beispiel das Internet.

Mit Infrastrukturen der Sozialität meinen wir basierend auf dieser Konzeption also Infrastrukturen, deren Vorleistung intendiert aus der Herstellung von Sozialität unter den Nutzenden der Infrastruktur

 

Theorie und Forschungsfragen

Um die Theorie, auf der unsere Forschung basiert, zu verdeutlichen, haben wir eine Theoriengrafik mit zwei Ebenen erstellt, die durch Kreise dargestellt werden. Der kleinere Kreis stellt die Infrastruktur da, der größere Kreis das Quartier, in dem sich die Infrastruktur befindet. Hierbei wird die Wechselwirkung, die beide Elemente auf sich haben, deutlich. Die Infrastruktur prägt, nach Barlösius und Spohr 2017, das Quartier, und das Quartier prägt im Gegenzug auch die Infrastruktur. Zusätzlich gibt es die Sozialität in der Infrastruktur und im Quartier. Darauf basierend haben wir unsere Forschungsfrage aufgestellt:

„Welche Infrastrukturen tragen zentral zur Sozialität in suburbanen Quartieren bei?“

 Da diese Frage sehr weit gefasst ist, haben wir sie in Unterfragen aufgeteilt:

 

1. Welche Infrastrukturen der Sozialität gibt es?

2. Welche maßgeblichen Infrastrukturen der Sozialität gibt es?

3. Welche Sozialität entsteht in den maßgeblichen Infrastrukturen?

4.1 Wie prägen maßgebliche Infrastrukturen die Sozialität im Quartier?

4.2 Wie prägt Sozialität im Quartier die maßgeblichen Infrastrukturen?

Das hat es für uns einfacher gemacht mit der Menge an Daten, die wir sammeln würden, umzugehen. Wir konnten unsere Daten einfacher kategorisieren und die Ergebnisse strukturierter vorstellen.

Methoden und Vorgehen

Zur Beantwortung unserer Forschungsfragen definierten wir ein Untersuchungsgebiet anhand der Quartiersgrenzen eines Stadtteils von Kassel. Methodisch haben wir uns für die Beantwortung der Forschungsfragen für Mixed-Methods entschieden, bestehend aus einer Umfrage mit 52 Befragten, vier Interviews, sowie einer Kartierung, Fotodokumentation und mehreren Beobachtungen der Infrastrukturen im Untersuchungsgebiet.
Die Umfrage umfasst 24 Fragen, die erste Erkenntnisse über die Infrastrukturen und die im Quartier vorherrschenden Sozialitäten lieferte. Die Ergebnisse der Umfrage bildeten das Fundament unserer Interview-Leitfäden für jeweils zwei Betreiber:innen und Nutzer:innen von wichtigen sozialen Infrastrukturen im Quartier Brückenhof

 

Untersuchungsgebiet:

Das Quartier Brückenhof liegt am südlichen Rand Kassels im Stadtteil Oberzwehren, die Hochhaussiedlung in Plattenbauweise, für die vor Ort eigens ein Betonmischwerk erbaut wurde. Wie der Name vermuten lässt, standen hier zuvor lediglich vereinzelt Bauernhöfe. 1967 wurden durch die “Neue Heimat”, heute GWG die 1839 Wohnungen in vier dreizehngeschössigen Gebäuden, mitsamt automobilfreundlicher Infrastruktur und Einkaufsmöglichkeiten fertig gestellt. Geheizt wird mithilfe eines Fernwärme-Werkes. Zuletzt wurde eigens für den Brückenhof ein neues Fernwärmewerk errichtet. Fast 6000 Einwohner, also nahezu die Hälfte Oberzwehrens, leben im Brückenhof. Davon haben etwa 76 Prozent einen Migrationshintergrund. Die durchschnittliche Wohndauer ist mit 11,4 Jahren recht hoch. Der Altersdurchschnitt liegt bei 42,3 Jahren, höher als im “Gesamtstadtteil”. 

Neben Wohngebäuden gibt es am Brückenhof zwei Schulen, sowie das AVZ der Universität Kassel, welches zur gleichen Zeit der Hochhäusern erbaut wurde. Häufig mit dieser Wohntypologie in Zusammenhang gebrachte Herausforderungen, wie soziale Spannungen, Kriminalität und schlechte Instandhaltung der Bausubstanz werden am Brückenhof mit einigem Erfolg entgegengewirkt. Sichtbar wird das unter anderem an dem Image des Quartiers. So wird dem Brückenhof in einigen Zeitungsberichten attestiert, er hätte seine problematischen Zeiten hinter sich gelassen. Zurückführen lässt sich das unter anderem auf die umfangreichen Instandhaltungs- und Weiterentwicklungsmaßnahmen der Bausubstanz durch die entsprechenden Eigentümer und Städtebauförderprogramme in den letzten Jahren.

Einen weiteren wichtigen Baustein stellt außerdem der Frauentreff Brückenhof dar, welcher seine Ursprünge in einem im AVZ der Universität Kassel stattfindenden Projekt hatte. Dessen Arbeit wirkt sich mit seinen unzähligen Beratungs-, Bildungs- und Freizeitangeboten in vielschichtiger und positiver Weise auf die sozialen Realitäten des Quartiers aus.

 

Sozio-Demografie der Umfrage

Für unsere quantitative Datenerhebung in Form einer Umfrage haben wir 52 Menschen im Brückenhof befragt. Der Altersdurchschnitt der Teilnehmer liegt bei 48 Jahren. 50 Prozent von ihnen sind Frauen, 38.5 Prozent Männer und 11.5 Prozent haben keine Angabe gemacht. Personen mit Migrationshintergrund machen 55.8 Prozent der Befragten aus. Durchschnittlich leben im Haushalt der Teilnehmer drei bis vier Personen. Die Anzahl der Kinder beläuft sich im Durchschnitt auf eins bis zwei pro Haushalt. Der Bildungsabschluss der Menschen, die an der Umfrage teilgenommen haben, liegt durchschnittlich im Bereich Ausbildung bis Abitur. Der Durchschnitt des Haushaltseinkommens beläuft sich auf 1872 Euro.

Infrastrukturen der Sozialität
1. Die erste Forschungsfrage „Welche Infrastrukturen der Sozialität gibt es?“ behandelt den Themenbereich der Infrastrukturen im Quartier Brückenhof. Wir haben damit begonnen, die uns wichtig erscheinenden Infrastrukturen bei einer ersten Ortsbegehung zu kartieren. So kannten wir einige soziale Infrastrukturen im Brückenhof bereits vorher. Eine Infrastruktur, das Jugendzentrum, ist dabei nicht von uns erkannt worden. Durch die darauffolgende Umfrage hat sich jedoch herausgestellt, dass dieses eine große Rolle für junge Menschen im Quartier spielt. Andere, uns durch die Kartierung bekannte, Infrastrukturen wurden in der Umfrage bestätigt. Darunter fallen der Frauentreff, Familientreff, Mittelpunkt, das Schulzentrum und die Universität.

2. Unsere zweite Forschungsfrage „Welche Infrastrukturen im Quartier sind die maßgeblichen?“ untersucht, welche Infrastrukturen die höchste Relevanz für den Brückenhof haben. Anhand der Umfrage haben wir herausgefunden, dass der Frauentreff und Familientreff am maßgeblichsten sind. Hierfür haben wir die meistgenutzten Infrastrukturen ausgewertet und sie mit den maßgeblichsten gleichgesetzt. Das Jugendzentrum ist bei den geschlossenen Fragen der Umfrage nicht aufgeführt worden, da wir erst durch die Umfrage selbst auf das Jugendzentrum aufmerksam geworden sind. Es hat aber eine große Bedeutung, wie sich in den offenen Fragen herausstellte.

 

 

 

Wechselwirkungen zwischen Infrastruktur und Quartier

Die Dritte von uns gewählte Forschungsfrage lautet „Welche Sozialitäten entstehen in den maßgeblichen Infrastrukturen?“ Um diese zu beantworten mussten zunächst die ersten beiden Forschungsfrage beantwortet werden. Nachdem wir durch die Beantwortung der ersten beide Fragen den „Frauentreff“ und das Jugendzentrum in Oberzwehren als maßgebliche Infrastrukturen, für das Quartier identifiziert haben. Haben wir im nächsten Schritt Qualitative Interviews mit jeweils einem der Betreiber:innen und Nutzer:innen der beider Infrastrukturen geführt. Die Interviews wurden, dann von uns durch die Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring analysiert. Auch in den Umfragen haben wir einige Fragen zur Sozialität in den Infrastrukturen gestellt, sofern diese besucht wurden. Unsere Auswertung der beiden Erhebungen ergab, dass sich nicht eine klare Sozialität in den Infrastrukturen identifizieren lässt. Viel mehr resultiert aus den losen Rahmenbedingungen und diversen Angeboten der Infrastrukturen eine Vielzahl von verschiedenen Sozialitäten, die sich auf verschiedenen Dimensionen abspielen.

Unsere Untersuchung hat ergaben, dass sich Sozialität innerhalb einer Infrastruktur durch drei unterschiedliche Dimensionen beeinflussen lässt. Die erste Dimension stellt den räumlichen Bezug zur Infrastruktur dar, je näher ein Individuum an Untersuchten Infrastruktur lebt, desto häufiger besucht besagtes Individuum die Infrastruktur. Die zweite und dritte Dimension bezieht sich auf die Art der Partizipation in der Infrastruktur. Die zweite Dimension ist die der sozialen Nutzung. Individuen können in der Infrastruktur an sozialen Angeboten, wie z.B. Treffen oder Ausflügen partizipieren. Eine Teilnahme an besagten Angeboten resultiert in einer stärkeren Einbindung in die Gesamtsozialität der Infrastruktur und beeinflusst somit die Sozialität des Individuums. Freundschaften und menschliche Beziehungen können durch die Teilnahem an sozialen Angeboten stärker weiterentwickelt werden als durch die Partizipation an rein materiellen Angeboten. Materielle Angebote bilden die dritte Dimension, die die Sozialität innerhalb der untersuchten

Infrastruktur mitbestimmt. die Sozialität innerhalb der untersuchten Infrastruktur mitbestimmt. Zu den Materiellen Angeboten gehören beim Frauentreff z.B. die Ausfüllhilfe von Formularen oder die Hilfe Arzttermine etc. zu organisieren. Individuen, die lediglich die materiellen Angebote der Infrastruktur wahrnehmen sind nicht so in die Gesamtsozialität der Infrastruktur eingebunden, wie Individuen, die an den sozialen Angeboten partizipieren. Resultat dieser unterschiedlichen Ebenen der Partizipation ist, dass es zu verschieden Sozialitäten in den Infrastrukturen kommt, die bei jedem Individuum durch seine oder ihre Positionierung in den Dimensionen bestimmt wird.
Die Vierte Forschungsfrage befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen den Sozialitäten in den Infrastrukturen und den Sozialitäten im Quartier.
4.1 Wie prägen maßgebliche Infrastrukturen die Sozialität im Quartier?
4.2 Wie prägt Sozialität im Quartier die maßgeblichen Infrastrukturen? 

Voraussetzung für die Suche nach den Wechselwirkungen zwischen der Sozialität in den Infrastrukturen und der Sozialität im Quartier ist die Feststellung, welche Sozialität in dem Quartier vorherrscht. Dafür lassen sich einige Zitate der Leitfadengestützten Interviews exemplarisch heranziehen. Sowohl die Betreiberin der Frauentreff Brückenhof e.V., Frau Hengesbach Knoop, als auch ein Nutzer des Jugendzentrums Brückenhof beschreiben den Brückenhof in einem ähnlichen Wortlaut als „Das ist wie so ein Dorf“ (Frau Henges Knoop, Kassel, 10.06.2021). Des Weiteren ergibt die Auswertung der Umfragen, dass sich die Mehrheit der Bewohner:innen im Brückenhof regelmäßig grüßt.

Da es zu unserer Datenerhebung keinen Vergleichswert aus dem Brückenhof gibt, gestalten sich Rückschlüsse auf die Wechselwirkungen zwischen den Sozialitäten der Infrastrukturen und die des Quartieres als schwierig. Aus den qualitativen Erhebungen lässt sich jedoch die These entnehmen, dass der Brückenhof durch seine sozialen Infrastrukturen den Ruf des „Problemviertels“ verloren haben soll. In der Umfrage lässt sich diese Aussage bestätigen. Auf die Frage: „Wenn Sie Veränderungen im Quartier wahrgenommen haben:  Stehen diese im Zusammenhang mit den von Ihnen als relevant beurteilten Infrastrukturen?“ gaben 25 der 52 befragten an, dass die Infrastrukturen zu einem freundlicheren Umgang führen.

 

 

Falls du dich nun beim Blick auf die Uhr belogen fühlst und merkst, dass zwei Minuten keine realistische Angabe waren, sei dir sicher, dass du nicht alleine bist: Umfragen-Teilnehmer hassen diesen Trick.

 

 

Wir haben ein

Gästebuch: https://miro.com/app/board/o9J_l6_-_Qo=/

 

 

 

Quellenangaben:

Barning, L., 2020. Barlösius, Eva (2019): Infrastrukturen als soziale Ordnungsdienste: Ein Beitrag zur Gesellschaftsdiagnose, in: Hannemann, C., Othengrafen, F., Pohlan, J., Schmidt-Lauber, B., Wehrhahn, R., Güntner, S. (Eds.), Jahrbuch StadtRegion 2019/2020: Schwerpunkt: Digitale Transformation. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden, pp. 193–197.;  Datenblatt 2020_Statistischer Bezirk 201 

 

 

 

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