R:Ein Interview

Prof. Dipl.-Ing. Philipp Oswalt

*29. Juni 1964 in Frankfurt am Main

Sohn des Architekten Alfred Oswalt

1984 – 1988 Studium der Architektur an der TU Berlin und Hochschule der Künste Berlin

1988 – 1994 Redakteur bei Arch+

Mitarbeit OMA und MVRDV

1998 Grünung eines eigenen Architekturbüros

2000 – 2002 Gastprofessor an der Brandenburgischen TU Cottbus

seit 2006 Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel

Schon während Ihres Studiums waren Sie politisch aktiv. Sie waren Vorstandsmitglied und Pressesprecher der Grünen Frankfurt und auch während Ihres Studiums in Freiburg 1984 waren Sie in der Redaktion des Radio Freies Dreyeckland tätig. Wieso haben Sie sich beruflich für die Architektur entschieden?

Die politische Tätigkeit hat noch in der Schülerzeit begonnen. Mir war nach dem Abitur noch nicht klar, was ich machen soll. Ich habe dann erst einmal in der Schreinerei gearbeitet. Ich hatte eigentlich von dieser schulischen Bildung genug und wollte etwas Praktisches machen. Ich habe dann aber gemerkt, dass es doch nicht das Richtige für mich ist. Mein Vater war auch Architekt, deshalb war es nicht so ganz fern. Ich fand es interessant, diese Verbindung, also die gestalterische Dimension aber eben schon auch eine gesellschaftliche Wirksamkeit und dieses generalistische des Architektenberufs. Aber auch das handlungsorientierte, dass man etwas Neues schafft, wo man in die Gesellschaft hineinwirkt. Was eben auch ästhetisch-gestalterische Dimension hat.

Sie sind seit mittlerweile 15 Jahren an der Universität Kassel. Viele Professoren fokussieren sich mit der Zeit trotzdem mehr auf die Büroarbeit. Ich möchte Sie fragen wieso haben Sie sich generell für die Universität Kassel entschieden? Wie können Sie sich Ihr zukünftiges berufliches Leben vorstellen?

Das war auch ein bisschen zufällig. Also ich habe mich auf mehrere Professuren beworben. Es gibt natürlich Stellen, wo man sagt, passt inhaltlich nicht oder das Kollegium kann man ja auch schwer einschätzen oder es ist etwas, wo man in einer Stadt ist, wo man nicht arbeiten will. Insofern war das jetzt nicht so gezielt, dass ich unbedingt nach Kassel musste, sondern das ergab sich, dass ich mich beworben habe und dann genommen wurde. Ich habe aber dann das Kollegium sehr schätzen gelernt und ich hatte auch durchaus Bürotätigkeiten parallel zur Uni. Das habe ich aber dann mit meiner Tätigkeit in Dessau eingestellt. Als ich dann nach Kassel zurückgekommen bin, habe ich auch nicht mehr so praktiziert. Was ich noch mache sind punktuell Projekte in Netzwerken mit anderen zusammen, aber ich mache kein Büro mehr. Manchmal ist es bezahlt, manchmal auch nicht. Ich verbinde es dann auch immer wieder mit der Lehre und auch mit der Forschung an der Hochschule.

Haben Sie vor, nochmal in den Architekturbüro Alltag zurückzukehren?

Was ich durchaus gelegentlich mache und auch gerne mache: Ich habe immer wieder mal an Wettbewerben teilgenommen. Es ist sozusagen vielleicht eher so eine Situation, wo man die Projektansätze formulieren muss. Da verbinde ich mich dann auch mit Kollegen, die ich schätze. Also insofern gibt es schon auch nach wie vor meine entwurfliche Tätigkeit, die aber in einer frühen Entwurfsphase liegt, die man initiativ in der Diskussion anregt und gar nicht auf eine Beauftragung gezielt ausrichtet.

Sie haben mit richtig großen Namen zusammengearbeitet. Beispielsweise Rem Koolhaas. Viele Studierende sind nach dem Abschluss etwas unsicher, wo sie hinwollen. Ob man in einem kleinen Büro anfangen soll oder eher mit dem Größeren? Wie war Ihre erste Arbeitserfahrung in der Architekturwelt? Was lief gut? Was hätten Sie jetzt anders gemacht?

Als ich angefangen habe zu studieren, habe ich gedacht, dass ich bauender Architekt werde und das war eigentlich so meine Vorstellung. Ich war dann aber auch in der Uni ziemlich unglücklich. Noch vor dem Vordiplom, nach zwei Jahren Studium, habe ich mich entschieden, ein halbes Jahr ins Ausland in die USA zu gehen. Da habe ich vernünftig Englisch gelernt und habe mich mit dem nicht mehr vorhandenen Sozialen Wohnungsbau befasst. Mit dem Zurückkommen nach Berlin habe ich noch ein Jahr in der Kunsthochschule studiert, aber war da auch nicht so richtig glücklich. Dann ergab sich relativ zufällig die Möglichkeit bei Arch+ erstmal als Student anzufangen. Das habe ich sehr intensiv gemacht und hätte auch beinahe kein Studium mehr abgeschlossen. Zum Glück habe ich dann doch gesehen, dass es gar nicht so viel Arbeit ist, das Studium zu beenden und habe das dann zu einem Ende gebracht. Wenn ich ehrlich bin, habe ich eigentlich kein richtiges Hauptstudium gemacht. Wir hatten vielfachen Kontakt mit Rem Koolhaas, der über die Zeitung entstanden ist. Ich habe ihn auch interviewt und er hatte seine Wertschätzung mir gegenüber artikuliert. Dann habe ich gefragt, ob es möglich wäre bei ihm im Büro anzufangen. Die Erfahrung im Büro in Rotterdam war sehr schwierig, denn ich hatte bis jetzt keine Büroerfahrung. Anders als man vielleicht denken würde, gab es im Büro keinen theoretischen Diskurs. Es lief etwas amerikanisch. Machen! Machen! Machen! Es war eine schwierige Zeit. Ich habe knapp eineinhalb Jahre mitgemacht und dann bin ich bei MVRDV gewesen. Sehr kurz, das waren sechs Wochen - zwei Monate. Das war so die Kontrasterfahrung. Ich glaube das kann man gar nicht so pauschal sagen. Kleines Büro, großes Büro, berühmtes Büro… Ich bin eher jemand, der nicht so für pauschale Regeln ist. Ich denke, es wäre sicherlich gut gewesen, wäre ich früher nochmal ins Zeitschriftbüro gegangen. Ich würde jedem empfehlen, nicht zu denken: „Man studiert und arbeitet dann“, sondern man sollte sich eher in diesem Sinne fast ein duales Studium vorstellen.

Erinnern Sie sich an eine Situation, wo Sie sich mit Ihrer Idee tatsächlich durchkämpfen mussten? Wie soll man Ihrer Meinung nach Geld verdienen, ohne sich selbst und seine Ideen zu verlieren?

Es ist eher ein menschlicher als fachlicher Rat. Ich finde man sollte sich immer treu bleiben und dann muss man Wege finden, wie man das, was einem wichtig ist, auch irgendwie mit dem Beruf verbinden kann. Bei mir war es dann der Weg raus aus der Praxis oder ich habe nicht richtig reingefunden. Also kein Mensch ist verpflichtet, sich zu verkaufen! Es kann schwierig sein. Ich glaube, wenn man sich engagiert und sich nicht dumm anstellt, wird man immer die Möglichkeit finden sich solche Freiräume zu erkämpfen.

Das nächste Thema kann man bei Ihrer Person nicht umgehen: Bauhaus. Sie waren von 2009 bis 2014 Leiter der Stiftung Bauhaus Dessau. Was bedeutet für Sie Bauhaus? Warum ist Bauhaus so besonders für Sie geworden?

Ich habe mich damals auf die Stelle beworben, weil ich die Stiftung als eine interessante Institution fand. Damals war ich eigentlich sehr in der Gegenwartsarbeit. Das hat in der Zeitungstätigkeit immer eine Rolle gespielt. Ich habe immer versucht, die gegenwärtige Architekturproduktion in Verbindung mit bestimmten historischen Entwicklungen zu setzen. Das hat dann einen ganz anderen Stellenwert bekommen und war natürlich auch viel vielschichtiger, weil es auch um eine tatsächliche Sammlung ging, ein Archiv. Es ging um gebaute Denkmale im Welterbe und das hat mich schon auch sehr interessiert. Ich habe mich sehr schnell reingekniet. Ich habe eine starke Identifikation mit dem was man unter der Bauhausidee versteht, mit der Ambition. Wobei ich die Ambitionen auch wiederum prekär finde und auch das historische Bauhaus durchaus auch einer deutlichen Kritik unterziehen werde. Insofern ist es ein bisschen utopisch. Das ist ein gefühltes Versprechen. Vielleicht ist es auch ein unerfüllbares Versprechen. Aber auch eine Suchrichtung, ein Versuch. Das ist eigentlich viel zu viel gesagt. Es ist interessant, dieses Leben, das in diesem Anspruch mit dem Begriff Bauhaus verbunden ist, trotz sehr großer Widersprüche zu befragen.

Blitzfragen:

Wer sind Ihre Vorbilder?

Ich finde tatsächlich Rem Koohlaas sehr interessant. Wobei in den letzten Jahren sehe ich ihn zunehmend kritisch. In der Architekturgeschichte gibt es viele Architekten, die mich interessieren. Das ist gar nicht so auf eine Person festlegbar, weil ich schon auch an sehr unterschiedlichen Formen oder Gestaltung interessiert bin. Es gibt natürlich Sachen, die ich doof finde. Der russische Konstruktivismus oder überhaupt die russische Avantgarde finde ich sehr spannend. Aber auch so eine Figur wie Corbusier oder Mies. Es gibt natürlich auch Menschen, die mich beeindruckt haben. Ob ganz persönlich mein Vater mit seiner Biografie oder jemand wie den Hitler Attentäter Elsa. Es gibt ganz unterschiedliche Menschen. Die Vorbilder sind nicht nur fachlicher Natur.

Geben Sie Ihre Interpretation: Architektur ist…?

Architektur sind menschliche Artefakte mit denen wir alltäglich zu tun haben.

Sie haben viele Bücher hinter Ihrem Rücken, welches davon soll jeder lesen?

Wenn ich Egomane wäre, würde ich sagen mein Bauhaus Buch, Marke Bauhaus. Aldo Rossi - Architektur der Stadt oder Learning from Las Vegas. Es gibt auch bei der Literatur ganz unterschiedliche Sachen, die mich sehr inspiriert haben.

Wenn Sie nur eine Sache in dieser Welt verändern könnten, was wäre das?

Ich würde hoffen, dass die Menschen stärker vorausschauend handeln können. Es ist aufgrund des Nachdenkens über den Klimawandel. Ich glaube, dass wir uns in einem zivilisatorischen Dilemma befinden. Früher war die Frage der Moral eher eine Frage, die fast heroisch ist. Wir denken irgendwie so, dass die Atombombe ein heroisches moralisches Problem ist. Ja, eine große Katastrophe. Wenn wir ein Phänomen wie den Klimawandel betrachten, dann haben wir 9 Milliarden Menschen auf der Welt und jeder macht einen Beitrag dazu und das ist ganz schwer zu begreifen ganz schwer zu fassen. Man merkt die Effekte nicht, weil sie in der Zukunft liegen. Man merkt das nicht, weil man nur einer von 9 Milliarden ist. Das ist etwas, was offenbar die Menschheit überfordert. Man weiß kognitiv, dass das natürlich ein Dilemma ist, weil wenn wir so weitermachen, haben wir ein riesen Problem. Ich glaube nicht, dass der Mensch in der kulturellen Lage ist dieses vorausschauende Handeln zu wissen. Die menschliche Gesellschaft ist eigentlich extrem anpassungsfähig, aber die notwendigen Änderungen zu machen, sind wir gar nicht bereit.

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